

Es gibt eine Lebensphase, die sich meistens nicht dramatisch ankündigt. Ohne ein großes Ereignis oder Pauken und Trompeten, sondern eher schleichend: Du machst weiter wie gewohnt, bist verlässlich, hast vieles im Griff und wirkst nach außen hin stark– und trotzdem spürst du, dass sich etwas verändert. Das ständige Funktionieren kostet mehr Energie als früher. Entscheidungen werden zäher, Freude und Lebendigkeit haben ihren Glanz verloren. Und irgendwo darunter beginnt sie sich zu melden: die Frage nach Erfüllung und dem Sinn – nicht als ein luxuriöses Gedankenspiel, sondern erst leise und später zunehmend hartnäckiger.
Wenn du hochbegabt bist und neurodivergent lebst, kann diese Schwelle besonders deutlich werden, weil du viel wahrnimmst, schnell Zusammenhänge erkennst und oft über Jahre Wege gefunden hast, dich an suboptimale Gegebenheiten anzupassen. Du hast dich eingerichtet in einem Leben, das tragfähig wirkt, und das hat Kraft gekostet. Und dann wächst eine Sehnsucht, die sich nicht mehr mit „eigentlich ist doch alles ganz gut“ beruhigen lässt: Sehnsucht nach Stimmigkeit, nach einem Leben, in welchem du nicht nur funktionierst oder viel für andere trägst, sondern dem du innerlich wirklich zustimmen kannst und in dem du dich selber wiederfindest.
Und in dieser Phase kommt noch etwas dazu, was häufig doch unterschätzt wird: der körperliche Umbau in den Wechseljahren – eben nicht nur als „hormonales Randthema“, das sich mit einer Substitution abspeisen lässt, sondern als eine reale Veränderung im eigenen Energiehaushalt.
Was früher oft über den Antrieb der Stressachse (HPA-Achse: die Hypothalamus–Hypophysen–Nebennierenrinden–Achse ist der zentrale neuroendokrine Regelkreis für die Stressantwort) abrufbar war: etwas „noch schnell erledigen“, „durchhalten“, „ich schaffe das schon“, „nur noch diese Woche“, trägt plötzlich weniger zuverlässig. Denn der Körper arbeitet parallel in tiefen Regulations- und Veränderungsprozessen: u. a. durch das Abfallen des Progesteronspiegels wird zudem der Schlaf fragiler, der Stresspuffer kleiner und die Reizverarbeitung empfindlicher.
In einer aktuellen Preprint-Studie (Weinmar et al., 2026) zeigte sich: In der Perimenopause verändert sich die Verschaltung eines Emotionsregulations-Netzwerks im Gehirn messbar: das System wird neu abgestimmt. Die Kompetenz zur Regulierung der Gefühle bleibt bei gesunden Frauen grundsätzlich erhalten, während das Gehirn sich in dieser Übergangsphase anders oder neu organisiert. Und diese innere Umorganisation kann sich als Unruhe, Reizbarkeit oder emotionale Erschöpfung bemerkbar machen.
Viele Frauen merken, dass das System, welches dich jahrelang stabil gehalten hat, nicht mehr so belastbar ist. Und hier gilt: Gerade bei Hochbegabung und Neurodivergenz kann das schon früher passieren, weil die Kompensationskräfte durch lebenslanges Masking, Überanpassung und eine hohe Daueranspannung schon früher verbraucht sind.
In der Autismus-Forschung gibt es für diese Konstellation eine metaphorische Umschreibung: „perfect storm“ – einen „perfekten Sturm“ aus gleichzeitig wirkenden Faktoren: hormonelle Veränderungen, Abnahme der sensorischen Belastbarkeit, soziale Rollenwechsel, die kumulativen Folgen der chronischen Anpassungsleistung, d. h. oft ein langes Leben über die eigenen Kräfte hinweg gehaushaltet zu haben, treffen zusammen.
Viele Autistinnen beschreiben, dass genau in dieser Lebensphase Fähigkeiten, die lange mehr oder weniger funktionierten, plötzlich wegfallen: Reizfilter, soziale Toleranz, Multitasking, Erholung über Nacht. Das wirkt von außen wie ein „Einbruch“ und ein Versagen, ist aber viel mehr eine späte, logische Folge davon, dass das System lange mehr getragen hat, als es eigentlich sollte.

"Eine Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihm nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen." Max Frisch zugeschrieben
Hochbegabte, neurodivergente Frauen besitzen oft einen überdurchschnittlich großen inneren Möglichkeitsraum: viele Ideen, Kreativität, Interessen, Begabungen, Perspektiven. Du siehst Varianten, Abzweigungen, Potenziale. Das kann inspirieren und gleichzeitig erschöpfen, wenn die Lebensumstände dafür keinen Raum lassen und übermäßig viel Zeit und Energie beanspruchen: viel Verantwortung auch für andere, die Zeitfenster lassen kaum Luft zum Atmen, Pflegeaufgaben und Verpflichtungsgefühle, Familienorganisation, ein Job, der zunehmend langweilt oder weniger Gestaltungsspielraum bietet als früher.
Interessanterweise entsteht eine Midlife-Krise nicht zwangsläufig nur aus einer Überlastung heraus, sondern manchmal gerade dann, wenn die Entlastung einsetzt: wenn Kinder aus dem Haus gehen, wenn jahrelange Pflegeverantwortung endet, wenn Eltern sterben oder ein großer Dauerauftrag plötzlich wegfällt.
Was vorher von Aufgaben überlagert war, wird dann spürbar: Erschöpfung, innere Leere, unterschwellige Trauer, eine lange verdrängte Sehnsucht.
Dann entsteht eine Spannung, die eine innere Unruhe verursachen kann, die eigentlich schon länger zu einem neuen Aufbruch auffordert: du erahnst und spürst, was auch noch möglich wäre oder andere sich vielleicht schon erlauben, und zugleich, was gerade in deinem Leben zu kurz kommt. Häufig liegt darunter kein Mangel an Mut, sondern zunächst ein innerer Abgleich: „Wofür reicht die Energie wirklich – und wofür reicht sie nicht mehr? Und dieser Zweifel ist zunächst verständlich. Er wird dann schmerzhaft, wenn er dauerhaft gegen die Sehnsucht anarbeiten muss.
• Welche Möglichkeiten fühlen sich innerlich weit an, und welche Gedanken engen spürbar ein?
• In welchen Augenblicken spürst du Lebendigkeit, bevor der Verstand die Sehnsucht zur Räson ruft?
„Funktionieren“ ist mehr als Routine. Es ist ein innerer Modus, der zuverlässig liefert: Termine, Organisieren und Jonglieren von vielen Bällen zugleich, Verantwortung, Entscheidungen, Fürsorge, Qualität… Viele Frauen haben diesen Modus früh perfektioniert: aus Pflichtgefühl, aus Loyalität, bei hoher Begabung auch aus der Erfahrung, dass Anpassung Sicherheit schafft.
Der Psychoanalytiker Donald Winnicott hat für diese Muster den Begriff des „Falschen Selbst“ eingeführt: eine innere Organisationsform, die entsteht, wenn Anpassung notwendig wird, um Beziehung und Zugehörigkeit zu sichern. Das „Falsche Selbst“ ist dabei nicht schlecht, sondern entspricht einem Schutzmechanismus, der lange dem emotionalen Überleben diente: Es stellt sicher, dass du funktionierst, passend bist, nicht „zu viel“ bist, nicht „zu unbequem“ oder „zu kompliziert“.
In Abhängigkeit von ihrer Sozialisation haben sich einige hochbegabte und neurodivergente Frauen aufgrund ihrer hohen Empathie und ihrer frühen kognitiven Reife und der Fähigkeit, auch die Überforderung von Bezugspersonen zu erspüren, so ein „falsches Selbst“ zugelegt. Zunächst erscheint es nach außen hin wie eine hohe Kompetenz und Stärke; und es ist ja im Grunde genommen auch ein hochintelligenter Schutzmechanismus gewesen, um ein instabiles System stabil zu halten und sich die überlebensnotwendige Zuwendung wichtiger Bezugspersonen zu sichern: verlässlich sein, mitdenken, vorausplanen, sich zusammenreißen, Konflikte entschärfen, die Bedürfnisse anderer spüren, bevor sie ausgesprochen werden…
Das sind Strategien von klugen Köpfen, mit denen du Herausforderungen lange überbrückt hast: zum Beispiel, indem du dich stärker strukturierst, dich zusammenreißt, mehr vorbereitest, länger durchhältst. Kompensation war lange notwendig. Sie wird anstrengend, wenn sie zur Dauerstrategie wird. Dann fühlt sich das Leben irgendwann an wie eine Wanderung in einem dunklen Tal: ein unendliches Pflichtprogramm ohne Ausweg.
Aus der Traumaperspektive passt dazu die sog. Fawn-Response (das „vierte F“ neben den Überlebensstrategien Fight/Flight/Freeze): Absichern durch Gefallen, Harmonie herstellen, sich selbst zurückstellen, um eine Situation stabil zu halten. Lange ist das eine Überlebens- und Bindungsstrategie. Spätestens in der Lebensmitte wird sie häufig teuer, weil sie innerlich erschöpft und dem „wahren“ oder „höheren“ Selbst, das um Wachstum und Entfaltung ringt, keinen Raum lässt.
Für dein Umfeld erscheinst du lange „stabil“. Innen jedoch schwinden die letzten Reserven. Schlaf erholt weniger. Reizverarbeitung wird empfindlicher. Die Geduld sinkt und es zeigt sich eine Gereiztheit, welche sich fremd anfühlt. Der Körper sendet deutlichere Signale und hinzu kommen Selbstzweifel und Versagensgefühle: „die anderen schaffen das doch auch...“ Dabei meldet dein System im Grunde genommen nur: du bist schon zu lange über deine Grenzen gegangen und hast dich und deinen Körper überstrapaziert.
Viele Frauen und auch Männer (ja, auch die gehen durch Wechseljahre, wie man inzwischen weiß, nur anders…) beginnen damit zu hadern, dass sie versagt haben und „schwach“ sind. Wenn ich ihnen dann vermittle, dass sie nicht von ihrer Anlage her schwach, sondern durch ihre Prägung und ungünstige Rahmenbedingungen geschwächt sind, kehrt in der Regel schon einmal etwas Erleichterung ein und Schritt für Schritt wächst die innere Erlaubnis, sich mehr Erholung und Zeit für das Erspüren der eigenen wahren Bedürfnisse zu nehmen und sich selbst im eigenen Leben mehr Raum zu geben.

„Und es kam der Tag, da das Risiko, in der Knospe zu verharren, schmerzlicher wurde als das Risiko, zu blühen.“ Anais Nin zugeschrieben
Die Lebensmitte bringt häufig eine besondere Klarheit: Manche noch ungelebten Lebensentwürfe, die unsere Seele für uns vorgesehen hat, lassen sich zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr aufschieben. Manche Kompromisse sind verständlich, doch wenn sie dauerhaft faul sind, ist der Preits für ihre Aufrechterhaltung hoch. Genau hier wird die Frage nach dem Sinn lauter. Nicht, weil das bisherige Leben wertlos wäre, sondern weil es sein kann, dass du zu lange in deinem eigenen Leben nur eine Nebenrolle gespielt hast.
Der Psychoanalytiker Erik H. Erikson beschreibt diese Lebensphase auch als Spannung zwischen Generativität (Gestalten, Wirken, Weitergeben) und Stagnation (das Empfinden von Stillstand und innerer Enge). Er skizziert eine Reifungsbewegung: weg von äußerer Bestätigung hin zu mehr innerer Stimmigkeit. „Generativität“ kann bedeuten, etwas weiterzugeben: Erfahrung, Haltung, Sinn, Wissen, Fürsorge; aber auch, das eigene Leben so zu gestalten, dass es sich von innen heraus stimmig anfühlt.
Für viele begabte, neurodivergente Frauen bedeutet Generativität nicht nur „mehr leisten“, sondern anders zu leben: weniger getrieben und mehr an eigenen Werten, Bedürfnissen und Vorlieben orientiert. Dann wird Sehnsucht zu einer präzisen Kraft und sie deutet als ein Teil des inneren Kompasses auf etwas hin: ein Leben im Einklang mit der eigenen seelischen Bestimmung.
Stagnation bedeutet in diesem Modell nicht zwangsläufig Faulheit oder Bequemlichkeit, sondern ist vielmehr ein seelisches Signal: wenn das Leben zu eng geworden ist, wenn Wachstum nur über „noch mehr vom Gleichen“ geschieht, dann meldet sich die Frage nach dem Sinn als Möglichkeit, den Kurs zu korrigieren. Genau dort beginnt häufig der Wendepunkt.
Wenn du dich in diesen Dynamiken wiedererkennst, dann geht es selten darum, sofort alles zu ändern. Häufig geht es darum, die innere Navigation zu erneuern: weg von einer Selbstverleugnung und hin zu Entscheidungen, die deine Energie respektieren und deine Sehnsucht ernst nehmen.

„Caring for myself is not self-indulgence, it is self-preservation, and that is an act of political warfare.“ Audre Lorde
Die US-amerikanische Lyrikerin, Essayistin und Aktivistin Audre Lorde schrieb diesen Satz in einem existenziellen Moment, nachdem sie erfahren hatte, dass ihr Brustkrebs in die Leber metastasiert war. In "A Burst of Light" (1988), einer Sammlung aus Essays und tagebuchnahen Texten beschreibt sie sehr konkret, wie sie die Folgen von Überspannung und Überbeanspruchung nicht nur seelisch, sondern auch körperlich wahrnahm und wie sie lernen musste, Überbeanspruchung von Entwicklung zu unterscheiden.
Selbstfürsorge ist Selbsterhalt: ein entschiedenes Nein zu einem „Ich halte das schon aus“, wenn der Preis dafür die eigene Lebendigkeit und Gesundheit ist. "Political warfare" bedeutet, dass dieses „Nein“ für Menschen, die dauerhaft mit Erwartungen, Zuschreibungen und strukturelle Belastungen konfrontiert sind, mehr ist als ein privater Luxus: Es ist eine Form von Selbstachtung, die Handlungsspielraum zurückholt. Es richtet sich gegen die Erwartung, dauerhaft mehr auszuhalten, als ein Mensch auf Dauer tragen kann.
In meinem begleiteten Onlinekurs arbeiten wir genau an dieser Schnittstelle: Wir ordnen, was dich erschöpft, wir klären, wofür du wirklich stehen willst, und wir übersetzen die Frage nach dem Sinn in konkrete, alltagstaugliche nächste Schritte. Du bekommst Struktur, Orientierung und einen Rahmen, der deinen Möglichkeitsraum würdigt, ohne dich darin zu verlieren.
Wenn du beim Launch dabei sein möchtest, melde dich gerne über das Kontaktformular bei mir persönlich und trage dich für den Newsletter ein. Dann erhältst du die Informationen zum Start, zum Ablauf und zu den Inhalten als Erste.
Dr. med. Hanna Steffen
Coaching und Mentoring
Bödekerstr. 1
30161Hannover
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