

Die Debatte rund um die Begriffe der Neurodiversität und Neurodivergenz ist lebendig und zugleich voller Missverständnisse. Begriffe werden vermischt, Vielfalt wird manchmal idealisiert oder vorschnell pathologisiert. Dieser Artikel klärt die zentralen Begriffe und zeigt, wie sie zusammenhängen: Neurodiversität als Vielfalt, Neurodivergenz als individuelle Ausprägung und Neuroplastizität als Hinweis darauf, dass Entwicklung möglich bleibt, wenn Bedingungen passen.
Neurodiversität: Vielfalt der menschlichen Gehirn- und Informationsverarbeitung auf Bevölkerungsebene.
Neurodivergenz: individuelle Ausprägung, die deutlich von der statistischen Mehrheit („neurotypisch“) abweicht.
Neuroplastizität: Fähigkeit des Nervensystems, sich durch Erfahrung, Lernen und Übung zu verändern.
Neurodiversität beschreibt Vielfalt – Neurodivergenz Profile – Neuroplastizität Veränderbarkeit.
Das Konzept der Neurodiversität basiert auf der Annahme, dass Unterschiede in der kognitiven Gehirnfunktion ebenso natürlich sind wie Unterschiede bei Hautfarbe oder Körpergröße: nicht besser oder schlechter, sondern anders – ähnlich der Biodiversität in der Natur. Jeder Mensch denkt anders, nimmt anders wahr, verarbeitet Informationen individuell. Statt neurologische Unterschiede als Störungen oder Defizite zu sehen, hinterfragt das Modell der Neurodiversität die Pathologisierung von Neurodivergenzen und versteht sich als inklusives Konzept mit einer anderen Perspektive auf die menschliche Vielfalt.
Der Begriff wurde in den 1990er Jahren geprägt. Genau genommen entstand die Neurodiversitäts-Idee in enger Verbindung mit der autistischen Selbstvertretungsbewegung (Self-advocacy) und frühen Online-Debatten: Autist:innen organisierten sich in eigenen Netzwerken, etwa im Autism Network International, die 1992 gegründet wurde und Begriffe ebenso wie die Beschreibung von Phänomenen hervorgebrachte, die das Thema anders charakterisieren als das rein medizinische Vokabular.
In diesem Umfeld schrieb die Soziologin Dr. Judy Singer ihre Honours-Arbeit (1998), und Harvey Blume machte den Begriff in September 1998 in The Atlantic einem größeren Publikum bekannt. Das Konzept der Neurodiversität im weiteren Sinne wurde dann auf dem “National Symposium of Neurodiversity” von 2012 in New beschrieben.
Die Bewegung strebt also einen Paradigmenwechsel weg von dem klassischen medizinischen Modell an, das von einem „normalen“ oder idealen Fähigkeitsniveau ausgeht und Behinderungen als Folge biologischer Beschaffenheit betrachtet. Doch was ist eigentlich ideal?

Der Begriff der Neurodivergenz bezeichnet Menschen, die sich hinsichtlich der neurologischen Gegebenheiten deutlich von der sogenannten neurotypischen Norm (Normotype) unterscheiden. Diese Norm ist kein Maßstab für Gesundheit oder „Korrektheit“: Sie beschreibt lediglich die statistische Mehrheit.
Neurodivergente Menschen verarbeiten Reize, Informationen und Emotionen anders als Normotype, und sowohl das Spektrum als auch die Überschneidungen in den Merkmalen sind groß. Das stellt insbesondere dann, wenn aufgrund der Eigenschaften ein Leidensdruck besteht und zur Einleitung angemessener Maßnahmen eine sorgfältige Diagnostik erforderlich ist, eine erhebliche Herausforderung dar.
An dieser Stelle ein erster kurzer Überblick – mit einem Akzent auf den Stärken:

Einige Formen der Neurodiversität (ADHS, Autismus-Spektrum, Legasthenie, Dyskalkulie, Tourette-Syndrom) werden in den medizinischen Klassifikationssystemen als neuroentwicklungsbezogene Störungen eingeordnet. Zugleich fordern Befürworter des Neurodiversitäts-Konzeptes, die Vielfalt der Unterschiede in Gehirnentwicklung und Neurokognition als normale, gesunde und wertvolle biologische Variante und als Teil menschlicher Vielfalt anzuerkennen.
Kritiker hingegen warnen davor, dass Neurodiversität zu einer Art „Identitätsfalle“ werden könnte, in der Menschen sich primär über neurologische Andersartigkeit definieren und sich eventuell gegenüber sinnvollen Angeboten zur Bewältigung verschließen.
Für mich fühlt es sich stimmig an, Neurodiversität mit all ihren verschiedenen Facetten dann als Störung zu bezeichnen, wenn damit ein Leidensdruck einhergeht. Denn der Lebensalltag geht für viele Betroffene mit erheblichen Herausforderungen einher – insbesondere, weil sie sich in einer Welt zurechtfinden müssen, die in vielen Aspekten nicht auf ihre Bedürfnisse abgestimmt ist.
Ansonsten betrachte ich Neurodiversität als Ausdruck einer unterschiedlichen neurologischen Veranlagung: eine andere Art, vernetzt zu sein – weder besser noch schlechter, sondern schlicht anders. Hochsensibilität, Hochbegabung, ADHS und hochfunktionaler Autismus treten häufig in Kombination auf und prägen eine besondere Art, die Welt wahrzunehmen. Diese Menschen besitzen viele bedeutende Stärken, die wir als Gesellschaft in unserer Welt dringend brauchen.

Es liegen mehrere Neurodivergenzprofile zugleich vor: Eine Person zeigt z. B. eine hohe Begabung oder Hochsensibilität (also Merkmale, die nicht als psychische Störung klassifiziert sind) und zugleich neurodivergente Ausprägungen, die als psychische Störungen diagnostiziert wurden oder mehrere neurodivergente Ausprägungen, die als psychische Störungen diagnostiziert wurden.
Das Besondere ist, dass sich beides gegenseitig auch verstärken oder verdecken kann: Durch eine sehr hohe oder Hochbegabung können evtl. ein ADHS oder eine ASS unerkannt bleiben; umgekehrt können diagnostische Etiketten (z. B. ADHS) Ressourcen (z. B. eine unerkannte Hochbegabung) verdecken, wenn die Umgebung vor allem auf Defizite schaut.
3. Was bedeutet Neuroplastizität?
Während Neurodiversität die natürliche Vielfalt menschlicher Gehirne beschreibt, meint der Begriff der Neuroplastizität die wegweisende Erkenntnis, dass sich unser Nervensystem ein Leben lang verändern, anpassen und weiterentwickeln kann. Während man früher eher von stabilen Verhältnissen ausging, zeigt die Forschung heute differenzierter: Neuronale Netzwerke können sich bis ins hohe Alter durch Übung, Wiederholung, Bedeutungsgebung, Kontext und Umwelteinflüsse verändern. Der Begriff der Neuroplastizität beschreibt also ein biologisches Lernprinzip mit einem hohen Potenzial. Veränderungen werden wahrscheinlicher, wenn Lernbedingungen bewusst gestaltet, sinnvoll, dosiert und in den Alltag integrierbar sind.
Umwelt-Sensitivität: Menschen unterscheiden sich darin, wie stark sie auf Umweltbedingungen (Sinnesreize, Emotionen wie bei der HSP) oder auf Fremdstoffe aus der Umwelt reagieren – auf Belastendes ebenso wie auf Förderliches.
Vantage Sensitivity (Vorteils-Sensitivität): Das Phänomen wurde von Prof. Pluess beforscht, der auch den Begriff einführte. Manche Menschen profitieren von unterstützenden Bedingungen, Interventionen oder Lernumwelten besonders deutlich, andere weniger.
Es gibt Hinweise darauf, dass Sensitivität unter ungünstigen Bedingungen eine Verwundbarkeit nach sich ziehen kann und deren Erleben das Befinden dominiert. Anderenfalls können unter unterstützenden Bedingungen und bei entsprechender Veranlagung sensitive Menschen Veränderungen konstruktiv und nachhaltig verankern. Das ist keine Garantie, zugleich jedoch eine hoffnungsvolle Perspektive: Du bist nicht festgelegt; du trägst jenseits deiner Prägungen ein großes Entwicklungspotenzial in dir!
Das macht den Zusammenhang zwischen Neurodiversität und Neuroplastizität im Alltag greifbar: Entwicklung hängt nicht allein von „Wollen“ ab, sondern auch von der persönlichen Veranlagung und davon ab, ob die Umgebungsbedingungen und eine Begleitung zum jeweiligen Menschen passen.

So viele Begabungen...Und alle brauchen einen Raum, in dem sie sich entfalten können.
Im Alltag und in der Praxis ist eine zusätzliche Perspektive von Bedeutung: es geht nicht nur darum, ob eine Neurodivergenz mit daraus resultierenden Potentialen oder Beeinträchtigungen vorliegt: sondern um die Frage nach der Passung zwischen dem persönlichen Potential und den Anforderungen, dem Umfeld und verfügbaren oder fehlenden unterstützenden Ressourcen.
Dafür stellt die ICF der World Health Organization (WHO) einen brauchbaren Referenzrahmen zur Verfügung. ICF steht für International Classification of Functioning, Disability and Health und beschreibt die Funktionsfähigkeit nicht als Eigenschaft „im Menschen allein“, sondern als Ergebnis eines Zusammenspiels: Körperfunktionen und -strukturen, Aktivitäten (was jemand praktisch tun kann), Teilhabe (Einbindung in Lebensbereiche wie Arbeit, Beziehungen, Alltag) und Kontextfaktoren (Umwelt und persönliche Faktoren) wirken miteinander.
Dadurch wird nachvollziehbar, warum ein und dieselbe neurodivergente Ausprägung je nach Setting kaum auffällt oder massiv belastet – und warum Unterstützung nicht nur „Symptome reduziert“, sondern vor allem Teilhabe ermöglicht.
1. Welche Situationen fordern neurodivergente Menschen besonders – sind es Reize (Geräusche, Licht, soziale Dichte), Tempo, Komplexität, wechselnde Prioritäten, zu hohe oder zu niedrige Anforderungen oder unausgesprochene soziale Codes?
2. Welche Bedingungen erleichtern den Alltag – zum Beispiel klare Strukturen, ein stimmiger Rhythmus, transparente Kommunikation, verlässliche Absprachen und Rückzugsmöglichkeiten?
3. Welche Stärken tragen genau in diesem Kontext – etwa eine hohe Verarbeitungsgeschwindigkeit, Mustererkennung, Detailblick, Kreativität, Fähigkeit zur Fokussierung oder hohe Verarbeitungstiefe?
Dank dieser Perspektive rückt Neurodivergenz automatisch aus der reinen Defizitlogik heraus, ohne Leidensdruck und – sofern erforderlich – Diagnostik und Diagnosen zu negieren: Der Blick berücksichtigt persönliche Belastungen, Umweltbedingungen und Ressourcen gleichermaßen.
Missverständnisse als wechselseitige "Übersetzungsarbeit": Verständigungs-Schwierigkeiten insbesondere zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen entstehen häufig wechselseitig, weil Erfahrungswelten, Kommunikationsstile und implizite Regeln sehr unterschiedlich sein können.
Das verschiebt den Blick: weg von einseitiger Zuschreibung, hin zu der Frage, welche Rahmenbedingungen Verständigung erleichtern – zum Beispiel eine klare Sprache, Kommunikation von Bedürfnissen und Erwartungen, weniger unausgesprochene Regeln und mehr explizite Absprachen.
Masking (auch Camouflaging) bezeichnet bewusste oder unbewusste Anpassungsstrategien, mit denen neurodivergente Menschen ihre Eigenheiten im sozialen, beruflichen oder schulischen Kontext verbergen oder kompensieren. Dazu gehören zum Beispiel das Unterdrücken von Stimming, das bewusste Nachahmen sozialer Regeln, das Überanpassen an Erwartungen oder ein dauerhaft erhöhter kognitiver Kontrollaufwand.
Masking kann kurzfristig soziale Teilhabe erleichtern, ist jedoch langfristig oft mit erheblicher Erschöpfung, innerer Anspannung und dem Gefühl verbunden, nicht authentisch sein zu können. Es trägt wesentlich dazu bei, dass neurodivergente Profile spät erkannt oder diagnostisch schwer einzuordnen sind.
Überschneidungen in den Profilen sind sind häufig. Viele Merkmale treten nicht in Reinform auf, sondern kombiniert: sie können sich gegenseitig verstärken, verdecken oder durch Kompensation lange unauffällig bleiben.
Im Kern lassen sich viele neurodivergente Ausprägungen dimensional verstehen: manche Merkmale sind je nach Profil unterschiedlich stark ausgeprägt, die Übergänge sind teilweise fließend, und sie zeigen sich je nach Lebensphase und Kontext verschieden. Deshalb kann eine klare Abgrenzung im Alltag und auch diagnostisch oft sehr schwierig sein – insbesondere dann, wenn zusätzlich eine sehr hohe Begabung, hohe Sensibilität, Sensitivität oder ausgeprägtes Masking das Bild mitprägen.

Neurodivergente Profile unterscheiden sich in ihrer Ausprägung, teilen jedoch viele grundlegende Muster. Für Begleitung, Therapie und Coaching ist deshalb neben der Zuordnung zu einer Kategorie auch das Verständnis dieser gemeinsamen Prinzipien und der Überschneidungen in den Profilen von Bedeutung.
Aus meiner Perspektive ist es vor diesem Hintergrund auch für Therapie und Coaching wenig sinnvoll, sich zu stark auf einzelne Diagnosen oder Profile zu spezialisieren. Gerade weil Überschneidungen häufig sind und viele grundlegende Muster geteilt werden, braucht es übergreifende Fachkenntnisse und ein integratives Verständnis neurodivergenter Informationsverarbeitung. Eine zu enge Fokussierung auf einzelne Kategorien läuft Gefahr, zentrale Zusammenhänge zu übersehen – etwa zwischen Reizverarbeitung, Selbstregulation, Anpassungsleistung und Erschöpfung. Wirksame Begleitung profitiert daher sowohl von Detailwissen als auch von der Fähigkeit, übergreifende Prinzipien zu erkennen und dem Individuum mit dem ganz individuellen Profil zu begegnen.
Stärken stärken Stärken und schwächen Schwächen. Das ist nicht nur eine akrobatische Wortspielerei, sondern ein Prinzip, das insbesondere bei einer adäquaten Unterstützung von Menschen mit Neurodivergenz beachtet werden sollte – und dann tatsächlich Früchte tragen kann.
Wenn Neurodiversität Vielfalt beschreibt, Neurodivergenz Profile sichtbar macht und Neuroplastizität Entwicklung erklärt, entsteht ein roter Faden: Es geht um Passung. Nicht jede Besonderheit braucht Behandlung; es braucht vor allem einen Rahmen, in dem Stärken entfaltet werden können und Herausforderungen handhabbar werden. Gleichzeitig ist es notwendig, dort sorgfältig zu diagnostizieren und zu unterstützen, wo Leidensdruck besteht und Teilhabe eingeschränkt ist.
Wenn du dich ein einigen Merkmalen wiedererkennst und die Zusammenhänge weiter vertiefen möchtest: Der Newsletter liefert dir regelmäßig neue Impulse und Orientierung zu neurodivergenter Informationsverarbeitung, Begabungsprofilen und zur Umsetzung im Alltag. Trage dich ein, damit du auf dem Laufenden bleibst!
Dr. med. Hanna Steffen
Coaching und Mentoring
Bödekerstr. 1
30161Hannover
2 Kommentare
Dank dir für diese Gegenüberstellung. Als Viel-Interessierte haben mich nicht nur die Übersicht, sondern auch die nuancierte Darstellung und die Einordnung mitgenommen. Im Zusammenhang meiner Studien zu Environmental Somatics will ich inspiriert von deinem Artikel das Thema Umweltsensitivität einmal unter die Lupe nehmen. Überrascht hat mich, Synästhesie hier zu finden. Sehr spannend!
vielen Dank für dein wertschätzendes Feedback! Und auch für mich interessant: Environmental Somatics. Das ist neu für mich und spannend, gerade weil ich auch sehr naturverbunden bin. Ich freue mich!
Was denkst du?