Was ist Neurodivergenz – und was bedeuten die Begriffe Neurodiversität und Neuroplastizität?

Was ist Neurodivergenz – und was bedeuten die Begriffe Neurodiversität und Neuroplastizität?

Dr. Hanna Steffen
von Dr. Hanna Steffen
31. Januar 2026

Die Debatte rund um die Begriffe der Neurodiversität und Neurodivergenz ist lebendig und zugleich voller Missverständnisse. Begriffe werden vermischt, Vielfalt wird manchmal idealisiert oder vorschnell pathologisiert. Dieser Artikel klärt die zentralen Begriffe und zeigt, wie sie zusammenhängen: Neurodiversität als Vielfalt, Neurodivergenz als individuelle Ausprägung und Neuroplastizität als Hinweis darauf, dass Entwicklung möglich bleibt, wenn Bedingungen passen.

Die wichtigsten Begriffe auf einen Blick

Neurodiversität: Vielfalt der menschlichen Gehirn- und Informationsverarbeitung auf Bevölkerungsebene.

Neurodivergenz: individuelle Ausprägung, die deutlich von der statistischen Mehrheit („neurotypisch“) abweicht.

Neuroplastizität: Fähigkeit des Nervensystems, sich durch Erfahrung, Lernen und Übung zu verändern.

Neurodiversität beschreibt Vielfalt – Neurodivergenz Profile – Neuroplastizität Veränderbarkeit.

1. Was ist Neurodiversität?

Das Konzept der Neurodiversität basiert auf der Annahme, dass Unterschiede in der kognitiven Gehirnfunktion ebenso natürlich sind wie Unterschiede bei Hautfarbe oder Körpergröße: nicht besser oder schlechter, sondern anders – ähnlich der Biodiversität in der Natur. Jeder Mensch denkt anders, nimmt anders wahr, verarbeitet Informationen individuell. Statt neurologische Unterschiede als Störungen oder Defizite zu sehen, hinterfragt das Modell der Neurodiversität die Pathologisierung von Neurodivergenzen und versteht sich als inklusives Konzept mit einer anderen Perspektive auf die menschliche Vielfalt.

Der Begriff wurde in den 1990er Jahren geprägt. Genau genommen entstand die Neurodiversitäts-Idee in enger Verbindung mit der autistischen Selbstvertretungsbewegung (Self-advocacy) und frühen Online-Debatten: Autist:innen organisierten sich in eigenen Netzwerken, etwa im Autism Network International, die 1992 gegründet wurde und Begriffe ebenso wie die Beschreibung von Phänomenen hervorgebrachte, die das Thema anders charakterisieren als das rein medizinische Vokabular. 

In diesem Umfeld schrieb die Soziologin Dr. Judy Singer ihre Honours-Arbeit (1998), und Harvey Blume machte den Begriff in September 1998 in The Atlantic einem größeren Publikum bekannt. Das  Konzept der Neurodiversität im weiteren Sinne wurde dann auf dem “National Symposium of Neurodiversity” von 2012 in New beschrieben.

Die Bewegung strebt also einen Paradigmenwechsel weg von dem klassischen medizinischen Modell an, das von einem „normalen“ oder idealen Fähigkeitsniveau ausgeht und Behinderungen als Folge biologischer Beschaffenheit betrachtet. Doch was ist eigentlich ideal?

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2. Was bedeutet Neurodivergenz?

Der Begriff der Neurodivergenz bezeichnet Menschen, die sich hinsichtlich der neurologischen Gegebenheiten deutlich von der sogenannten neurotypischen Norm (Normotype) unterscheiden. Diese Norm ist kein Maßstab für Gesundheit oder „Korrektheit“: Sie beschreibt lediglich die statistische Mehrheit.

Neurodivergente Menschen verarbeiten Reize, Informationen und Emotionen anders als Normotype, und sowohl das Spektrum als auch die Überschneidungen in den Merkmalen sind groß. Das stellt insbesondere dann, wenn aufgrund der Eigenschaften ein Leidensdruck besteht und zur Einleitung angemessener Maßnahmen eine sorgfältige Diagnostik erforderlich ist, eine erhebliche Herausforderung dar. 

2.1 Verschiedene Neurodivergenzprofile

An dieser Stelle ein erster kurzer Überblick – mit einem Akzent auf den Stärken:

  • Hoch- und Höchstbegabung (IQ ab 130) bezeichnen eine deutlich überdurchschnittliche intellektuelle Leistungsfähigkeit, meist operationalisiert über Intelligenztests, wobei nicht nur Geschwindigkeit, sondern vor allem komplexe Informationsverarbeitung, Abstraktionsfähigkeit und eine starke Vernetzung kennzeichnend sind. Höchstbegabung (IQ ab 145) beschreibt eine nochmals ausgeprägtere Form mit sehr hoher kognitiver Spannweite und Tiefe. Hoch- und Höchstbegabte denken schneller, vernetzter und somit komplexer.
  • Vielbegabung und die Scanner-Persönlichkeit beschreibt das Vorliegen mehrerer ausgeprägter Begabungen und oder Interessen in unterschiedlichen Bereichen. Der Begriff "Scanner" wird häufig für Menschen verwendet, die sich für viele Themen interessieren, schnell Zusammenhänge erfassen und sich im Gegensatz zu den Vielbegabten, die gerne tief in Themen eintauchen, weniger über Spezialisierung als über Vielfalt definieren. Charakteristisch ist ein hohes Bedürfnis nach geistiger Stimulation und Abwechslung. Vielbegabte und sogenannte Scanner sind oft interdisziplinär interessiert und somit auch häufig kreative Innovatoren und langweilen sich angesichts von Wiederholungen und Routinen besonders schnell.
  • Der Begriff der Hochkreativität wurde kürzlich insbesondere von Dr. Birgit Wegerich-Bauer im Kontext des sog. Underachievement bei einer Hochbegabung und Neurodivergenz charakterisiert. Das Buch dazu: Wenn Denken aus der Reihe tanzt.
  • Hochbewusstsein (sehr hohes Bewusstsein) ist kein wissenschaftlicher oder medizinischer Diagnosebegriff. Er wird vor allem in transpersonalen und bewusstseinspsychologischen Kontexten verwendet und im deutschsprachigen Raum im Kontext der Neurodiversität unter anderem durch Autorinnen und Vermittlerinnen wie Anne Heintze bekannt gemacht. Er beschreibt eine ausgeprägte Fähigkeit zur Meta-Wahrnehmung: Gedanken, Emotionen und Sinneseindrücke werden nicht nur erlebt, sondern zugleich beobachtet und reflektiert. Diese Form von Bewusstheit geht häufig mit intensiver Selbstreflexion, Sinnfragen und einer differenzierten inneren Wahrnehmung einher. Erlebtes und Beobachtetes wird in transpersonalen Dimensionen reflektiert.
  • Hochsensibilität beschreibt eine erhöhte sensorische und emotionale Reizverarbeitung. Reize werden tiefer, differenzierter und mit geringerer Filterung verarbeitet, was zu intensiver Wahrnehmung, aber auch zu schnellerer Überstimulation führen kann. Es handelt sich um eine neurobiologische Verarbeitungsvariante, nicht um eine Störung. Es besteht jedoch eine erhebliche Verwechselungsgefahr mit dem Begriff der Hypervigilanz (übermäßige Wachheitsamkeit als Traumafolge). Hochsensible Menschen sind häufig sehr empathisch veranlagt.
  • Hochsensitivität (intuitive / feinstoffliche Wahrnehmung) wird begrifflich verwendet, um eine besonders feine Wahrnehmung innerer und äußerer Signale zu beschreiben, die über klassische Sinnesreize hinausgeht. Gemeint ist eine ausgeprägte Fähigkeit zur intuitiven, emotionalen und häufig auch spirituell verstandenen Wahrnehmung von Stimmungen, Bedeutungen und Zusammenhängen. Diese Ausprägung ist wissenschaftlich schwerer zu operationalisieren, wird jedoch in vielen Erfahrungsberichten konsistent beschrieben. Hochsensitive Personen haben eine besonders ausgeprägte intuitive Wahrnehmung und/oder Wahrnehmung im feinstofflichen/spirituellen Bereich.
  • Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) ist eine neuroentwicklungsbedingte Besonderheit der Aufmerksamkeits-, Impuls- und Emotionsregulation. Charakteristisch ist keine generelle „Aufmerksamkeitsarmut“, wie oft noch unterstellt wird, sondern eine Aufmerksamkeit, die stark interessengeleitet ist. Neurobiologisch zeigen sich Unterschiede u. a. in dopaminergen Regulationsprozessen. Beim Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) arbeitet das Gehirn sehr assoziativ, vernetzt und hochaktiv – dadurch kreativ, zugleich nicht so leicht steuerbar. Ist das Interesse geweckt, können Betroffene sich lange konzentrieren und in ein Thema eintauchen (Hyperfokus).
  • Autismus-Spektrum (ASS) umfasst neuroentwicklungsbedingte Ausprägungen, die insbesondere Wahrnehmung, soziale Interaktion, Kommunikation und Reizverarbeitung betreffen. Autistische Informationsverarbeitung ist häufig geprägt durch hohe Systematik, Mustererkennung und Detailgenauigkeit. Die Ausprägungen sind sehr heterogen. Menschen mit Merkmalen aus dem Autismus-Spektrum verfügen oft über eine außergewöhnliche Detailwahrnehmung, Klarheit und logisches Denken. Manche haben eine hohe Begabung in einem umschriebenen Bereich.
Med. NG Profile

2.2 Weitere Abweichungen, die der Neurodivergenz zugeordnet werden sind:

  • Synästhesie bezeichnet ein neurologisches Wahrnehmungsphänomen, bei dem Sinneseindrücke automatisch und stabil miteinander gekoppelt sind. Ein Reiz in einem Sinneskanal löst zusätzlich eine Wahrnehmung in einem anderen Sinnesbereich aus, etwa wenn Töne Farben hervorrufen oder Buchstaben eine feste räumliche oder farbliche Qualität haben. Synästhesie ist keine Störung, sondern eine besondere Form der Wahrnehmungsverarbeitung, die häufig mit hoher Kreativität und differenzierter Wahrnehmung einhergeht.
  • Dyslexie auch Legasthenie genannt, betrifft  das Erlernen des Lesens und Schreiben. Sie zeigt sich in anhaltenden Schwierigkeiten beim korrekten und flüssigen Lesen, Schreiben und Rechtschreiben, trotz altersgemäßer Intelligenz und ausreichender Beschulung. Ursache ist eine besondere Art der sprachlichen Informationsverarbeitung im Gehirn; Dyslexie sagt nichts über Begabung, Denkfähigkeit oder Kreativität aus.

  • Dyskalkulie ("Rechenstörung") bezeichnet eine spezifische Herausforderung im Bereich des Rechnens und des mathematischen Verständnisses. Betroffene haben Schwierigkeiten, Mengen, Zahlenbeziehungen und Rechenoperationen zuverlässig zu erfassen und anzuwenden. Die Problematik liegt nicht im fehlenden Üben, sondern in einer anderen neuronalen Verarbeitung numerischer Informationen. Auch hier besteht keine Verbindung zu verminderter Intelligenz
  • Sensorische Modulationsstörung (SMS) beschreibt Schwierigkeiten bei der Regulation sensorischer Reize. Das Nervensystem reagiert dabei entweder überempfindlich, unterempfindlich oder wechselhaft auf Sinnesreize wie Geräusche, Berührungen, Licht oder Bewegung. Reize werden nicht angemessen gefiltert oder eingeordnet, was zu Überforderung, Rückzug oder intensiver Reizsuche führen kann. SMS tritt häufig im Zusammenhang mit Neurodivergenz auf, etwa bei Autismus, ADHS oder Hochsensibilität.

  • Dyspraxie (Entwicklungsstörung der motorischen Funktionen) medizinisch als Entwicklungsstörung der motorischen Funktionen bezeichnet, betrifft die Planung, Koordination und Ausführung von Bewegungen. Betroffene wissen, was sie tun möchten, haben jedoch Schwierigkeiten, Bewegungsabläufe automatisiert und flüssig umzusetzen. Dies kann Fein- und Grobmotorik, Körperschema, räumliche Orientierung und Alltagsfertigkeiten betreffen. Dyspraxie ist keine Folge mangelnder Übung und steht nicht im Zusammenhang mit einer Intelligenzminderung.

  • Das Tourette-Syndrom ist eine neuroentwicklungsbedingte Besonderheit, die durch wiederholte motorische und vokale Tics gekennzeichnet ist. Tics sind unwillkürliche, plötzlich auftretende Bewegungen oder Lautäußerungen, deren Intensität und Häufigkeit variieren können. Das Tourette-Syndrom tritt häufig gemeinsam mit anderen neurodivergenten Ausprägungen wie ADHS, Zwangstendenzen oder Autismus-Merkmalen auf. Die kognitive Leistungsfähigkeit ist in der Regel unbeeinträchtigt.

2.3 Neurodivergenz im Verhältnis zu medizinischen Klassifikationssystemen

Einige Formen der Neurodiversität (ADHS, Autismus-Spektrum, Legasthenie, Dyskalkulie, Tourette-Syndrom) werden in den medizinischen Klassifikationssystemen als neuroentwicklungsbezogene Störungen eingeordnet. Zugleich fordern Befürworter des Neurodiversitäts-Konzeptes, die Vielfalt der Unterschiede in Gehirnentwicklung und Neurokognition als normale, gesunde und wertvolle biologische Variante und als Teil menschlicher Vielfalt anzuerkennen.

Kritiker hingegen warnen davor, dass Neurodiversität zu einer Art „Identitätsfalle“ werden könnte, in der Menschen sich primär über neurologische Andersartigkeit definieren und sich eventuell gegenüber sinnvollen Angeboten zur Bewältigung verschließen.

Für mich fühlt es sich stimmig an, Neurodiversität mit all ihren verschiedenen Facetten dann als Störung zu bezeichnen, wenn damit ein Leidensdruck einhergeht. Denn der Lebensalltag geht für viele Betroffene mit erheblichen Herausforderungen einher – insbesondere, weil sie sich in einer Welt zurechtfinden müssen, die in vielen Aspekten nicht auf ihre Bedürfnisse abgestimmt ist.

Ansonsten betrachte ich Neurodiversität als Ausdruck einer unterschiedlichen neurologischen Veranlagung: eine andere Art, vernetzt zu sein – weder besser noch schlechter, sondern schlicht anders. Hochsensibilität, Hochbegabung, ADHS und hochfunktionaler Autismus treten häufig in Kombination auf und prägen eine besondere Art, die Welt wahrzunehmen. Diese Menschen besitzen viele bedeutende Stärken, die wir als Gesellschaft in unserer Welt dringend brauchen.

Med. ND Profile

2.4. Twice-Exceptional (2e): Neurodivergenzprofile gemeinsam denken

Was bedeutet Twice-Exceptional (2e) oder sogar 3e?

Es liegen mehrere Neurodivergenzprofile zugleich vor: Eine Person zeigt z. B. eine hohe Begabung oder Hochsensibilität (also Merkmale, die nicht als psychische Störung klassifiziert sind) und zugleich neurodivergente Ausprägungen, die als psychische Störungen diagnostiziert wurden oder mehrere neurodivergente Ausprägungen, die als psychische Störungen diagnostiziert wurden.

Das Besondere ist, dass sich beides gegenseitig auch verstärken oder verdecken kann: Durch eine sehr hohe oder Hochbegabung können evtl. ein ADHS oder eine ASS unerkannt bleiben; umgekehrt können diagnostische Etiketten (z. B. ADHS) Ressourcen (z. B. eine unerkannte Hochbegabung) verdecken, wenn die Umgebung vor allem auf Defizite schaut.

Herausforderungen im Rahmen einer unerkannten oder nicht adäquat geförderten/integrierten Hochbegabung können beizeiten als Pseudo-ADHS impionieren- ein fataler Irrtum! Bei Erwachsenen werden im Rahmen einer ADHS- Abklärung noch viel zu selten Intelligenztests zur Differenzialdiagnose durchgeführt, um Fehldiagnosen zu vermeiden. Für eine stimmige Einordnung ist deshalb eine sorgfältige Diagnostik unerlässlich!

3. Was bedeutet Neuroplastizität?

Während Neurodiversität die natürliche Vielfalt menschlicher Gehirne beschreibt, meint der Begriff der Neuroplastizität die wegweisende Erkenntnis, dass sich unser Nervensystem ein Leben lang verändern, anpassen und weiterentwickeln kann. Während man früher eher von stabilen Verhältnissen ausging, zeigt die Forschung heute differenzierter: Neuronale Netzwerke können sich bis ins hohe Alter durch Übung, Wiederholung, Bedeutungsgebung, Kontext und Umwelteinflüsse verändern. Der Begriff der Neuroplastizität beschreibt also ein biologisches Lernprinzip mit einem hohen Potenzial. Veränderungen werden wahrscheinlicher, wenn Lernbedingungen bewusst gestaltet, sinnvoll, dosiert und in den Alltag integrierbar sind.

4. Umwelt-Sensitivität und Vantage-Sensitivität: 

Wann und weshalb eine gute Passung die Entwicklung begünstigt

Umwelt-Sensitivität: Menschen unterscheiden sich darin, wie stark sie auf Umweltbedingungen (Sinnesreize, Emotionen wie bei der HSP) oder auf Fremdstoffe aus der Umwelt reagieren – auf Belastendes ebenso wie auf Förderliches.

Vantage Sensitivity (Vorteils-Sensitivität): Das Phänomen wurde von Prof. Pluess beforscht, der auch den Begriff einführte. Manche Menschen profitieren von unterstützenden Bedingungen, Interventionen oder Lernumwelten besonders deutlich, andere weniger. 

Es gibt Hinweise darauf, dass Sensitivität unter ungünstigen Bedingungen eine Verwundbarkeit nach sich ziehen kann und deren Erleben das Befinden dominiert. Anderenfalls können unter unterstützenden Bedingungen und bei entsprechender Veranlagung sensitive Menschen Veränderungen konstruktiv und nachhaltig verankern. Das ist keine Garantie, zugleich jedoch eine hoffnungsvolle Perspektive: Du bist nicht festgelegt; du trägst jenseits deiner Prägungen ein großes Entwicklungspotenzial in dir!

Das macht den Zusammenhang zwischen Neurodiversität und Neuroplastizität im Alltag greifbar: Entwicklung hängt nicht allein von „Wollen“ ab, sondern auch von der persönlichen Veranlagung und davon ab, ob die Umgebungsbedingungen und eine Begleitung zum jeweiligen Menschen passen.

Begabungen

So viele Begabungen...Und alle brauchen einen Raum, in dem sie sich entfalten können. 

5.  Neurodivergenz im gesellschaftlichen Kontext:

5.1 Neurodivergenz im Alltag

Im Alltag und in der Praxis ist eine zusätzliche Perspektive von Bedeutung: es geht nicht nur darum, ob eine Neurodivergenz mit daraus resultierenden Potentialen oder Beeinträchtigungen vorliegt: sondern um die Frage nach der Passung zwischen dem persönlichen Potential und den Anforderungen, dem Umfeld und verfügbaren oder fehlenden unterstützenden Ressourcen. 

Dafür stellt die ICF der World Health Organization (WHO) einen brauchbaren Referenzrahmen zur Verfügung. ICF steht für International Classification of Functioning, Disability and Health und beschreibt die Funktionsfähigkeit nicht als Eigenschaft „im Menschen allein“, sondern als Ergebnis eines Zusammenspiels: Körperfunktionen und -strukturen, Aktivitäten (was jemand praktisch tun kann), Teilhabe (Einbindung in Lebensbereiche wie Arbeit, Beziehungen, Alltag) und Kontextfaktoren (Umwelt und persönliche Faktoren) wirken miteinander. 

Dadurch wird nachvollziehbar, warum ein und dieselbe neurodivergente Ausprägung je nach Setting kaum auffällt oder massiv belastet – und warum Unterstützung nicht nur „Symptome reduziert“, sondern vor allem Teilhabe ermöglicht.

Übersetzt in alltagstaugliche Praxisfragen lässt sich das folgendermaßen anwenden: 

1. Welche Situationen fordern neurodivergente Menschen besonders – sind es Reize (Geräusche, Licht, soziale Dichte), Tempo, Komplexität, wechselnde Prioritäten, zu hohe oder zu niedrige Anforderungen oder unausgesprochene soziale Codes? 

2. Welche Bedingungen erleichtern den Alltag – zum Beispiel klare Strukturen, ein stimmiger Rhythmus, transparente Kommunikation, verlässliche Absprachen und Rückzugsmöglichkeiten? 

3. Welche Stärken tragen genau in diesem Kontext – etwa eine hohe Verarbeitungsgeschwindigkeit, Mustererkennung, Detailblick, Kreativität, Fähigkeit zur Fokussierung oder hohe Verarbeitungstiefe? 

Dank dieser Perspektive rückt Neurodivergenz automatisch aus der reinen Defizitlogik heraus, ohne Leidensdruck und – sofern erforderlich – Diagnostik und Diagnosen zu negieren: Der Blick berücksichtigt  persönliche Belastungen, Umweltbedingungen und Ressourcen gleichermaßen.

5.2 Das "Double Empathy Problem": 

Missverständnisse als wechselseitige "Übersetzungsarbeit": Verständigungs-Schwierigkeiten insbesondere zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen entstehen häufig wechselseitig, weil Erfahrungswelten, Kommunikationsstile und implizite Regeln sehr unterschiedlich sein können. 

Das verschiebt den Blick: weg von einseitiger Zuschreibung, hin zu der Frage, welche Rahmenbedingungen Verständigung erleichtern – zum Beispiel eine klare Sprache, Kommunikation von Bedürfnissen und Erwartungen, weniger unausgesprochene Regeln und mehr explizite Absprachen.

5.3 Anpassungsstrategien, die erschöpfen können

Masking (auch Camouflaging) bezeichnet bewusste oder unbewusste Anpassungsstrategien, mit denen neurodivergente Menschen ihre Eigenheiten im sozialen, beruflichen oder schulischen Kontext verbergen oder kompensieren. Dazu gehören zum Beispiel das Unterdrücken von Stimming, das bewusste Nachahmen sozialer Regeln, das Überanpassen an Erwartungen oder ein dauerhaft erhöhter kognitiver Kontrollaufwand.

Masking kann kurzfristig soziale Teilhabe erleichtern, ist jedoch langfristig oft mit erheblicher Erschöpfung, innerer Anspannung und dem Gefühl verbunden, nicht authentisch sein zu können. Es trägt wesentlich dazu bei, dass neurodivergente Profile spät erkannt oder diagnostisch schwer einzuordnen sind.

6. Eine erweiterte Perspektive: Neurodivergenz als Spektrum

Überschneidungen in den Profilen sind sind häufig. Viele Merkmale treten nicht in Reinform auf, sondern kombiniert:  sie können sich gegenseitig verstärken, verdecken oder durch Kompensation lange unauffällig bleiben. 

6.1. Neurodivergenz als Spektrum betrachtet

Im Kern lassen sich viele neurodivergente Ausprägungen dimensional verstehen: manche Merkmale sind je nach Profil unterschiedlich stark ausgeprägt, die Übergänge sind teilweise fließend, und sie zeigen sich je nach Lebensphase und Kontext verschieden. Deshalb kann eine klare Abgrenzung im Alltag und auch diagnostisch oft sehr schwierig sein – insbesondere dann, wenn zusätzlich eine sehr hohe Begabung, hohe Sensibilität, Sensitivität oder ausgeprägtes Masking das Bild mitprägen.

Ueberlappende Merkmale ND

 Neurodivergente Profile unterscheiden sich in ihrer Ausprägung, teilen jedoch viele grundlegende Muster. Für Begleitung, Therapie und Coaching ist deshalb neben der Zuordnung zu einer Kategorie auch das Verständnis dieser gemeinsamen Prinzipien und der Überschneidungen in den Profilen von Bedeutung.

6.2 Ausblick

Aus meiner Perspektive ist es vor diesem Hintergrund auch für Therapie und Coaching wenig sinnvoll, sich zu stark auf einzelne Diagnosen oder Profile zu spezialisieren. Gerade weil Überschneidungen häufig sind und viele grundlegende Muster geteilt werden, braucht es übergreifende Fachkenntnisse und ein integratives Verständnis neurodivergenter Informationsverarbeitung. Eine zu enge Fokussierung auf einzelne Kategorien läuft Gefahr, zentrale Zusammenhänge zu übersehen – etwa zwischen Reizverarbeitung, Selbstregulation, Anpassungsleistung und Erschöpfung. Wirksame Begleitung profitiert daher sowohl von Detailwissen als auch von der Fähigkeit, übergreifende Prinzipien zu erkennen und dem Individuum mit dem ganz individuellen Profil zu begegnen.

Stärken stärken Stärken und schwächen Schwächen. Das ist nicht nur eine akrobatische Wortspielerei, sondern ein Prinzip, das insbesondere bei einer adäquaten Unterstützung von Menschen mit Neurodivergenz beachtet werden sollte – und dann tatsächlich Früchte tragen kann.

Wenn Neurodiversität Vielfalt beschreibt, Neurodivergenz Profile sichtbar macht und Neuroplastizität Entwicklung erklärt, entsteht ein roter Faden: Es geht um Passung. Nicht jede Besonderheit braucht Behandlung; es braucht vor allem einen Rahmen, in dem Stärken entfaltet werden können und Herausforderungen handhabbar werden. Gleichzeitig ist es notwendig, dort sorgfältig zu diagnostizieren und zu unterstützen, wo Leidensdruck besteht und Teilhabe eingeschränkt ist.

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2 Kommentare

Simona
Simona
Liebe Hanna,
Dank dir für diese Gegenüberstellung. Als Viel-Interessierte haben mich nicht nur die Übersicht, sondern auch die nuancierte Darstellung und die Einordnung mitgenommen. Im Zusammenhang meiner Studien zu Environmental Somatics will ich inspiriert von deinem Artikel das Thema Umweltsensitivität einmal unter die Lupe nehmen. Überrascht hat mich, Synästhesie hier zu finden. Sehr spannend!
Dr. Hanna Steffen
Dr. Hanna Steffen
Liebe Simona,
vielen Dank für dein wertschätzendes Feedback! Und auch für mich interessant: Environmental Somatics. Das ist neu für mich und spannend, gerade weil ich auch sehr naturverbunden bin. Ich freue mich!

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