Wenn die eigene Stärke ein blinder Fleck ist: warum Begabte oft die größten Selbstzweifel haben

Wenn die eigene Stärke ein blinder Fleck ist: warum Begabte oft die größten Selbstzweifel haben

Dr. Hanna Steffen
von Dr. Hanna Steffen
02. August 2026

Vor einiger Zeit saß ich einer Kollegin gegenüber und reflektierte auf ihre Anregung hin, was mir in meinem Beruf besonders leicht fällt. Als sie das später noch einmal hervorhob, erwiderte ich: „Ach, das ist doch ein Klacks." Sie schaute mich einen Moment an und erwiderte: „Für dich ist es ein Klacks. Für die meisten anderen ist es jedoch alles andere als das."

Dieser Satz hat damals etwas bei mir in Bewegung gebracht und er beschreibt, worum es in dieser Blogparade von Anja Dix geht: um die Dinge, die uns so leicht von der Hand gehen, dass wir sie kaum für eine Stärke halten. Um das, was wir selbst zuletzt sehen, weil es sich einfach so vertraut anfühlt.

1. Was uns so leicht fällt, dass wir es nicht für eine Stärke halten

Es gibt eine eigentümliche Logik in der Art, wie wir unsere eigenen Fähigkeiten bewerten. Was uns Mühe kostet, wofür wir uns anstrengen und kämpfen müssen, das erkennen wir bereitwillig als Leistung an. Was uns dagegen mühelos gelingt, verbuchen wir stillschweigend als selbstverständlich. Es fühlt sich ja nicht nach Arbeit an, also kann es doch keine Besonderheit sein.

Doch was, wenn das einem grundlegenden Denkfehler entspricht? Was dir so leicht fällt, dass du es selber kaum bemerkst, entspricht häufig deiner größten Gabe. Nicht das mühsam Erarbeitete, sondern das Selbstverständliche. Meine Kollegin hatte recht: Ein Klacks war das nur für mich. Er war das, was mich, wie ich später verstanden habe, in meiner Arbeit von anderen unterscheidet.

Das Tückische daran ist, dass wir es uns selbst nicht spiegeln können. Dafür brauchen wir in der Regel ein Gegenüber, das erstaunt ist oder das benennt, was für uns nichts Besonderes ist. Ohne dieses Feedback bleibt die eigene Stärke manchmal ein blinder Fleck.

2. Die Frage, die das Puzzle vervollständigte

Vor einer Weile hatte ich ein Gespräch mit einer Person, die hochbegabt ist und ausgeprägt vernetzt denkt. Wir bewegten uns durch die großen Fragen des Lebens, durch unsere Weltbilder und reflektierten die Art, bestimmte Phänomene einzuordnen. An einer Stelle stellte ich eine Frage, die genau dorthin zielte, wo mein Gegenüber sich selbst noch nicht sah.

Was dann geschah, ist der Grund, warum ich diese Arbeit so gerne tue. Der Gesichtsausdruck veränderte sich. Und ich bekam die erstaunte Rückmeldung: „Diese eine, einfache Frage hat mir so noch nie jemand gestellt." In der Einfachheit liege oft die eigentliche Kunst.

Woran merke ich, dass etwas in Bewegung kommt? Fast immer verändert sich zuerst der Gesichtsausdruck. Und wenn ich dann frage, wie sich das gerade im Körper anfühlt, ist es häufig Erleichterung oder es entsteht eine Weite, wo es zuvor eng war.

Wenn ich einen blinden Fleck bei einem Menschen anhebe, dann nicht, um jemanden bloßzustellen oder ihm zu zeigen, was er übersehen hat. Es geht immer darum, für Entlastung und Klarheit zu sorgen oder die Schätze zu heben, die sich hinter dem blinden Fleck verbergen.

3. Was ich richtig gut kann: blinde Flecken anheben

Wenn ich es heute in Worte fassen soll, dann ist es dieses: Ich erkenne schnell, wo ein Mensch unbewusst festhängt. Aus dem, was jemand vielleicht nebenbei erzählt, kann ich Rückschlüsse auf die Überzeugungen ziehen, die im Hintergrund wirken, ohne dass die Person sie selbst benennen könnte. Ich bilde eine Hypothese darüber, wo der eigentliche Knoten vielleicht sitzt.

Der entscheidende zweite Teil ist nicht nur das schnelle Erkennen, sondern auch die gebotene Zurückhaltung. Ich habe über viele Jahre gelernt, Nicht-Wissen auszuhalten oder eine erste Annahme für mich zu behalten und stattdessen Fragen zu stellen, die mein Gegenüber einlädt, selbst hinzuschauen. Dann zeigt sich im Gespräch, ob die Hypothese trägt oder ob sie sich verändern muss. Der Mensch kommt selbst dort an, statt dass ich ihm etwas überstülpe. Diese Vorgehensweise habe ich über Jahre in der Begleitung durch meine eigene Mentorin erfahren und verfeinert, indem ich das Implizite wahrnahm, also wie sie es tat. Erklärt hat es mir nie jemand direkt.

Schon während meiner therapeutischen Ausbildung haben meine Supervisorinnen und Supervisoren mir dieses Gespür bescheinigt; eine sagte mir schon zu Beginn meiner Ausbildung wörtlich, ich könne ruhig einmal mehr „mit meinen eigenen Pfunden wuchern". Ich habe diesen Satz damals gehört, ohne dass er mich innerlich schon wirklich erreicht hätte.

In meinem persönlichen Erkenntnisweg über Hochbegabung, Vielbegabung und Hochsensibilität berichte ich darüber, wie das alles mit einem weiteren blinden Fleck zusammenhängt.

4. Selbstzweifel trotz Begabung: warum gerade begabte Menschen ihre Stärken übersehen

Ein Aspekt taucht in der Begleitung von hoch- und vielbegabten Menschen immer wieder auf, obwohl er zunächst widersprüchlich wirkt. Man könnte erwarten, dass mehr Begabung mehr Selbstsicherheit bedeutet, doch häufig ist das Gegenteil der Fall. Selbstzweifel trotz Begabung sind eher die Regel als die Ausnahme. Gerade die Menschen, die außergewöhnlich viel wahrnehmen und zahlreiche gut ausgeprägte Fähigkeiten besitzen, zweifeln oft besonders stark an sich selbst.

Die Ursache liegt unter anderem in der Weite des eigenen Horizontes. Wer das große Ganze mehr im Blick hat als andere, sieht eben auch mehr Möglichkeiten, mehr Unfertiges, mehr von dem, was noch fehlt. Wo andere bereits zufrieden einen Haken setzen, sieht ein vernetzt denkender Mensch beizeiten noch fünf unbedachte Aspekte oder Möglichkeiten zur Vervollkommnung. Diese Fähigkeit, das Ganze zu überblicken, ist eine Gabe und ist zugleich der Nährboden für den Zweifel.

In der Psychologie gibt es dafür einen Begriff, der vielen begabten Menschen mittlerweile bekannt ist: das Impostor-Selbstkonzept; ein Persönlichkeitsmerkmal, bei dem objektiv erfolgreiche Personen sich selbst als unzulänglich erleben. Umgangssprachlich nennt man Selbstzweifel trotz messbaren Erfolgs oft auch das Hochstapler- oder Impostor-Syndrom, wobei „Syndrom" hier etwas irreführend ist, da es sich nicht um eine Krankheit handelt. Es besteht das hartnäckige Gefühl, die eigene Kompetenz sei nicht wirklich echt, man habe eigentlich nur Glück gehabt oder andere getäuscht, obwohl alle äußeren Belege für das Gegenteil sprechen. Wer weit überdurchschnittlich viel sieht und wahrnimmt, misst sich an dem, was noch möglich wäre, und übersieht dabei, was längst da ist. Mehr darüber, was Hochbegabung eigentlich ausmacht, habe ich in meinem Artikel Was ist Hochbegabung? zusammengetragen.

Dass ich blinde Flecken bei anderen so schnell erkenne, war lange mein eigener blinder Fleck. Die Fähigkeit, rasch zum Wesenskern eines Menschen durchzudringen, hielt ich selbst für nichts Besonderes. Es brauchte andere, die staunten, eine Kollegin, bei der ich von einem „Klacks" sprach, der keiner war, und Menschen, die mir sagten, ich könne mehr, als ich mir selbst zutraute, damit ich es als das erkennen konnte, was es ist.

5. Wie du deiner eigenen Stärke auf die Spur kommst

Wenn deine eigenen Stärken hinter blinden Flecken verborgen sind, dann hilft es wenig, dich selbst zu fragen, was du gut kannst. Die Frage läuft ins Leere, weil genau das Selbstverständliche sich der eigenen Wahrnehmung entzieht. Es lohnt sich, den Blick umzudrehen.

Frag nicht nur dich selbst, frag die anderen: Wofür kommen Menschen immer wieder zu dir? Worum bitten sie dich um Rat, ganz selbstverständlich, so als wäre klar, dass du das kannst? Was tust du, während andere staunen, ohne dass du recht verstehst, worüber eigentlich? Und eine Frage, die tiefer reicht als das bloße Was: Wofür setzt du diese Fähigkeit ein und wie bereichert sie die Menschen oder die Natur um dich herum?

Doch nicht alles, was wir besonders gut können, muss zugleich eine große Leidenschaft sein. Manche Fähigkeit beherrschen wir mühelos, ohne dass unser Herz daran hängt, und das ist völlig in Ordnung. Eine Stärke zu haben bedeutet nicht, dass wir sie zum Zentrum unseres Lebens machen müssen. Doch interessant wird es dort, wo diese sich mit dem verbindet, was uns wirklich am Herzen liegt, wie die Natur oder die Gesellschaft davon profitiert und wie uns das ernähren kann. An der Schnittstelle, wo Fähigkeiten, ein Gefühl von Sinnhaftigkeit und eine entsprechende innere Ausrichtung zusammenfinden, kann etwas entstehen, das über einen bloßen „Job" hinausweist und so etwas wie einer Berufung entspricht. Dorthin begleite ich Menschen: nicht nur zu der Frage, was sie gut können, sondern ob und wofür sie es einsetzen wollen.

Auf meiner eigenen Website bezeugt eine Referenz, dass ich Menschen in den Kontakt mit ihrem Wesenskern bringe. Und zugleich tue ich das so gerne! Diesen Satz habe ich nicht selbst formuliert, jemand anderes hat ihn über mich geschrieben. Unsere Stärken tragen wir oft als blinde Flecken mit uns herum, bis ein anderer Mensch sie ausspricht und wir sie endlich selbst erkennen dürfen.

Wenn du magst, schau einmal genau hin, wofür andere dich schätzen, und nimm es einmal wirklich ernst, statt es als „Klacks" abzutun. Denn das ist es, was du richtig gut kannst. Traust du dich, darüber in den Kommentaren zu berichten? Ich würde mich sehr freuen!

Dieser Beitrag ist Teil der Blogparade „Das kann ich richtig gut – und hab's lange nicht gewusst" von Anja Dix.

Foto (Dr. Hanna Steffen): Sarah Gewecke

Dr. Hanna Steffen
Dr. Hanna Steffen
Dr. Hanna Steffen ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und zertifizierter Teamcoach. Nach langjähriger psychotherapeutischer Tätigkeit in eigener Praxis arbeitet sie heute als Coach und Mentorin. Ihr Schwerpunkt liegt auf Hochbegabung, Vielbegabung, Hochsensibilität und Neurodivergenz.

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