

„Das bin ja ich."
Ich erinnere mich noch genau, wie diese Erkenntnis mich getroffen hat. Es war während des internationalen Joseph-Joachim-Violinwettbewerbs hier in Hannover, den ich wie alle drei Jahre fasziniert live verfolgte.
Irgendwann in diesen Tagen hatte ich aus einer Art innerer Eingebung heraus die Begriffe „Hochbegabung und Hochsensibilität" gegoogelt und landete auf einer Webseite, auf der ich mich zu meiner Überraschung in fast allen beschriebenen Merkmalen wiedererkannte.
Da war unter anderem die Rede von einer feinen, hochdifferenzierten Wahrnehmung, die Reize intensiver verarbeitet, als bei den meisten anderen Menschen der Fall ist, von dem Bedürfnis, Phänomene nicht an der Oberfläche zu belassen, sondern so lange zu durchdringen, bis man wirklich auf den Grund gestoßen ist, von der Fähigkeit der schnellen Erfassung von komplexen und themenübergreifenden Mustern. Von Interessen, die schon in der Kindheit altersuntypisch waren und von dem Gefühl, irgendwie anders zu sein als andere, lange Zeit ohne benennen zu können, worin dieses Anders-Sein eigentlich begründet war.
Für mich war es kein dramatischer, aber doch ein einschneidender Moment, als dieser Groschen endlich gefallen war. Was mich im Nachhinein fast am meisten beschäftigt hat, war nicht nur die Erkenntnis selbst. Es war, wie lange sie ausgeblieben war.
Ich gehe den Dingen auf den Grund. Schon immer. Das steht nicht nur in meinem LinkedIn-Profil, das ist ein Wesenszug, der sich durch mein ganzes Leben zieht.
Ich bin als Kind allein durch Wiesen gestreift und habe Beeren gesammelt. Ich kannte mehr Pflanzennamen als mein Biologielehrer, bevor mir bewusst war, dass andere das nicht selbstverständlich fanden. Später habe ich zahlreiche Bücher über Gartenbau gelesen und mich auch von widrigen Umständen nicht abhalten lassen, den Gemüsegarten zu Hause zeitweise alleine zu bestellen.
Ich habe als einziges Kind schon in der Kindergartenzeit im Chor mitgesungen, mir das Flötespielen im Vorschulalter selber beigebracht und später viel Geige gespielt, obwohl ich es erst nicht sollte. Wenn ich noch nicht schlafen wollte, habe ich mit der Puppenstubenlampe heimlich unter der Bettdecke Bücher gelesen und Dinge so lange durchdacht und nachgefragt, bis ich das Gefühl hatte, wirklich auf den Grund gestoßen zu sein. Aber ein Baby, das aus einem Ei entsteht, das kleiner sein sollte als ein winziger Punkt auf einem Blatt Papier? Das hat mich lange beschäftigt, auch noch, als der Bauchumfang meiner Mutter schon beträchtlich war.
Meine Erinnerungen an die Vorschulzeit sind teilweise sehr detailliert, was übrigens bei Menschen, die kognitiv früh gereift sind, recht häufig vorkommt.
Gleichzeitig war mir vieles fremd in meiner Umgebung. Ich bin in einem ländlichen Umfeld aufgewachsen, in dem Gleichgesinnte selten waren. Die Interessen und die Art zu denken, die sich in mir zeigten, stießen nicht immer auf Resonanz, bisweilen auch auf Ablehnung. Das hat Spuren hinterlassen, wie es bei vielen hochbegabten und hochsensiblen Menschen der Fall ist, die früh lernen: Sei nicht anders. Pass dich an, sonst gehörst du nicht zu uns. So wurde ich auch Meisterin darin, insbesondere die Bedürfnisse und Erwartungen von Erwachsenen zu erspüren, auch wenn diese nicht explizit ausgesprochen wurden.
Später im Berufsleben tauchte dieses Gefühl, anders zu sein, zu denken und Phänomene aus einer anderen Perspektive zu betrachten als viele Kolleg:innen, ebenfalls wieder auf.
Was ich damals nicht wusste: Dass genau dieser Forscherdrang, diese Naturverbundenheit, diese Tiefe der Wahrnehmung, diese Gleichzeitigkeit von vielen Interessen, die Unfähigkeit, oberflächlich zu bleiben und die Vorliebe für das Entdecken von übergeordneten Zusammenhängen kein Makel war, sondern einfach meiner Wesensart entspricht.
Der Begriff allein verändert noch nichts. Aber er öffnet eine Tür.
Hinter dieser Tür liegt keine Erklärung, die alles entschuldigt oder rechtfertigt. Dahinter liegt etwas anderes: die Möglichkeit, das eigene Erleben endlich folgerichtig einzuordnen und das eigene Leben künftig bewusst zu gestalten. Das Nicht-Passen nicht länger als persönliches Versagen zu lesen, sondern als Hinweis auf eine andere Art, die Welt zu verarbeiten. Und in diesem Raum kann etwas entstehen, was vorher noch nicht zugänglich war: echte Selbstakzeptanz.
Selbstakzeptanz ist kein Abschluss und kein Moment, nach dem alles leichter wird. Aber sie ist eine Verschiebung des inneren Maßstabs weg von dem, was andere als normal definieren, hin zu dem, was dem eigenen Nervensystem, dem eigenen Denken, dem eigenen Erleben tatsächlich entspricht.
Und wenn es an der Zeit ist, stellt sich Erleichterung ein und das Gefühl: Der Weg war nicht leicht; weder die Erkenntnis selbst noch das, was ihr folgte. Aber er leitete eine Wende ein, die tatsächlich eine Notwendigkeit war. Und am Ende hat es sich gelohnt.
Als Einstieg in das Thema spät erkannte Hochbegabung empfehle ich gerne das Buch von Andrea Brackmann: Ganz normal hochbegabt. Es enthält sehr authentische Schilderungen von Menschen, die ihre Hochbegabung spät erkannt haben und was es bei ihnen ausgelöst und in ihrem Leben verändert hat. Diese Fallvignetten sind jeweils von der Autorin aus einer fachlichen Perspektive kommentiert.
Wenn die Tür erst einmal offen ist, beginnt man zu sehen, was hinter dem blinden Fleck verborgen lag. Zunehmend nicht mehr als Defizit, sondern als Potenzial, das darauf gewartet hat, sich endlich in einem stimmigeren Rahmen entfalten zu können.
Der blinde Fleck schützt zunächst. Er gibt Stabilität und bindet an das Vertraute, solange der eigene Maßstab noch fehlt. Aber er verbirgt auch das, wo das größte Potenzial liegt. Wie bei der Raupe, die irgendwann spürt, dass die Hülle zu eng geworden ist. Nicht weil etwas mit ihr nicht stimmt, sondern weil das, was in ihr wartet, größer ist als der Raum, den sie bisher hatte. Der Schmetterling lebt nicht in der engen Hülle. Er entfaltet sich und entwickelt seine Kraft gerade auch gegen ihren Widerstand, bis der Moment gekommen ist, sie zu verlassen.
Und dieser blinde Fleck war nicht nur meiner, sondern er war auch ein systemischer. Ich hatte in meiner klinischen Arbeit rückblickend schon einige Menschen mit neurodivergenten Profilen, mit weit überdurchschnittlicher Begabung und ausgeprägter Hochsensibilität begleitet, ohne diese Perspektive explizit einzubeziehen. Nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil dieser Blick im Fach selbst lange kaum verankert war. Noch zu Beginn meiner klinischen Ausbildung galt ADHS als etwas, das sich im Erwachsenenalter verwächst und das Thema Hochbegabung stand im Ausbildungskatalog gar nicht auf der Agenda.
Hochbegabung, Hochsensibilität und transpersonale Aspekte des Menschseins kamen als eigenständige Themen in der Versorgung praktisch nicht vor. Ich stieß in diesem Rahmen immer wieder an Grenzen, die nicht meine eigenen waren, sondern die des Systems.
Die Entscheidung, meinen Kassensitz als ärztliche Psychotherapeutin abzugeben, kam nicht aus einer klaren Erkenntnis heraus. Den blinden Fleck hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig aufgelöst. Ich wusste nur: Ich konnte so nicht mehr weitermachen. Meinen Patientinnen und Patienten ging es in der Arbeit mit mir in der Regel zunehmend besser, und mir ging es im Laufe der Zeit immer schlechter. Lange habe ich das nicht verstanden, denn ich mochte meine Arbeit im Grunde genommen wirklich. Aber ich konnte dort nicht mehr wachsen. Die Haut war zu eng geworden, ohne dass ich damals schon hätte sagen können, was dahinter auf mich wartete.
Die Erkenntnis kam erst später, und mit ihr die Einsicht, dass ich in diesem Rahmen nicht nur meine eigenen Grenzen gespürt hatte, sondern auch die des Systems. Bestimmte Systeme sind strukturell nicht dazu angelegt, bestimmte Tiefen zu halten. Was mich schon zwei Jahrzehnte ebenfalls beschäftigte, die seelisch-geistige Dimension des Menschseins und transpersonale Aspekte des Erlebens, hatte in diesem Rahmen kaum einen Platz. Es bleibt dort randständig und kommt in den Leitlinien nicht vor. Und je klarer mir das wurde, desto deutlicher wurde auch: Was ich für möglich und notwendig halte, lässt sich in diesem Rahmen nicht leben.
Im Rückblick erkannte ich außerdem, wie viele der Menschen, die ich begleitet hatte, selbst neurodivergente Profile trugen, und dass ich ihnen in diesem Rahmen nicht die Tiefe der Begleitung anbieten konnte, die ich für sinnvoll erachtete. Das soll keine Kritik an der Arbeit selbst sein, sondern eine Erkenntnis über die Grenzen des Systems.
Seit meiner eigenen Erkenntnis begleite ich als Coach und Mentorin noch bewusster als zuvor Menschen mit einer Hochbegabung, Vielbegabung und Hochsensibilität und Überschneidungen mit Merkmalen von ADHS und aus dem Autismus-Spektrum. Das sind in meiner Arbeit keine Randthemen mehr, sondern ich verstehe sie als Kernaspekte, die die eigene Identität und Lebensgestaltung erheblich prägen.
Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, die passende Entwicklungsbegleitung mühsam zusammensuchen zu müssen. Wenn man sich in einer Begleitung befindet und merkt: Das trifft mich nicht wirklich. Das passt nicht zu der Art, wie ich denke und fühle und die Welt verarbeite. Wenn das Gespräch an der Oberfläche bleibt, weil das Gegenüber die Tiefendimension nicht kennt oder vielleicht auch davor zurückschreckt. Für eine Begleitung braucht es in der Regel ein Gegenüber, das wenigstens ein paar Schritte voraus ist und den Raum für tiefgreifende Veränderungsprozesse wirklich halten kann, und einen Rahmen, der das zulässt.
Was dabei immer wieder entlastet, sind Erfahrungsberichte und der Austausch mit anderen Menschen, die teilweise ein ähnliches Erleben kennen. Die Gewissheit: Ich bin mit meinem Erleben nicht allein, und so wie ich die Welt erlebe und Erfahrungen verarbeite, bin ich in Ordnung.
Genau deshalb habe ich zu einer Blogparade eingeladen: Hochbegabt, vielbegabt, hochsensibel, ADHS oder Autismus-Spektrum? Der Schlüssel, der endlich die richtige Tür öffnet. Ich freue mich über jeden Beitrag, der dort eingeht, und über jeden Erkenntnisweg, der sichtbar wird.
Denn hinter blinden Flecken verbirgt sich manchmal auch das, was am kraftvollsten ist. Und es lohnt sich, hinzusehen.
Wie du teilnehmen kannst?
→ Zum Artikel mit dem Blogparaden-Aufruf geht es hier.
Dr. med. Hanna Steffen
Coaching und Mentoring
Bödekerstr. 1
30161Hannover
Noch keine Kommentare vorhanden
Was denkst du?