Ein Buch, das mein Vertrauen in den inneren Kompass vertieft hat

Ein Buch, das mein Vertrauen in den inneren Kompass vertieft hat

Dr. Hanna Steffen
von Dr. Hanna Steffen
02. August 2026

„Welches Buch hat dein Leben verändert?" Als ich den Aufruf zu dieser Blogparade von Melanie Hafner las, hatte ich sofort ein Buch vor Augen, und es ist nicht unbedingt eines, das man von einer Ärztin und Coachin vielleicht erwarten würde.

Es gibt Bücher, die ich lese, um mir genüsslich die Zeit zu vertreiben, und solche, die in mir etwas Existenzielles berühren. Das Buch, das ich hier vorstellen möchte, gehört auf jeden Fall in die zweite Gruppe. Schon der Titel erscheint ungewöhnlich: „Alles läuft super, während ich weg bin." Die Autorin Lola Jones ist eine Coachin aus Texas, die eine Lebensphilosophie entwickelt hat, die sie „Divine Openings" nennt. Sie versteht diese jedoch weniger als einen spirituellen Weg denn als eine freudvolle und natürliche Art, emotional zu reifen, immer mehr in das eigene Potenzial hineinzuwachsen und sich im eigenen Leben bewusst auszurichten, um es erfüllt leben zu können.

1. Warum ich das Buch erst nach fünf Monaten kaufte

„Alles läuft super, während ich weg bin." Ich stand in einer Buchhandlung, hielt das Buch in der Hand, las den Klappentext und spürte sofort eine starke Anziehung. Doch im selben Moment vernahm ich eine leise, klare innere Stimme, die sagte: Nein. Jetzt noch nicht.

Ich habe auf diese Stimme gehört, auch wenn ich sie damals nicht erklären konnte. Ich war innerlich noch nicht ganz an dem Punkt, an dem ich das, was in diesem Buch steckt, gut hätte aufnehmen und integrieren können.

Fünf Monate später, um meinen 50. Geburtstag herum, habe ich das Buch dann gekauft und begonnen, es zu lesen und den Inhalt sacken zu lassen. Die Wirkung war unmittelbar: Lola Jones hat Bilder in ihr Buch aufgenommen, die sie selbst gemalt hat, und die ihre Wirkung entfalten können, wenn man sie einfach anschaut. Die erste Erfahrung war nicht ein Gedanke oder eine Einsicht, sondern ein starkes Gefühl: Es wollte sich tiefe, alte Trauer durch mich hindurchbewegen. Sie durfte sich lösen, und ich ließ sie ziehen.

Die Schwelle zum sechsten Lebensjahrzehnt war eine Zeit, in der ohnehin vieles in Bewegung war, und rückblickend verstehe ich diese fünf Monate des Wartens als einen Aspekt dessen, was innere Reifung im Kern ausmacht: Auch das Gespür dafür, dass alles seine Zeit hat, denn das Wesentliche im Leben lässt sich nicht erzwingen.

Meerblick Skamlingsbanken

Aus seiner höheren Perspektive betrachtet: Meerblick schafft Raum und Weite. Skamlingsbanken, 2020

2. Die Autorin und der Inhalt

Lola Jones arbeitete jahrelang als Managementtrainerin und Beraterin, ehe sie nach einer beruflichen wie persönlichen Zäsur zwei Jahre lang malte und im Frühjahr 2006 einem inneren Impuls folgte, der sie nach Indien führte. Dort verbrachte sie einundzwanzig Tage im Schweigen, allerdings nicht im offiziellen Programm des Retreats, sondern in einem selbst gestalteten Rückzug: Das Schweigegebot hielt sie konsequent ein, ihre Hingabe richtete sie jedoch an die allumfassende Präsenz in ihrem eigenen Inneren und nicht an einen Guru. Aus diesen drei Wochen entwickelte sich später das, was sie „Divine Openings" nennt. Das Buch erzählt deshalb zugleich ihre eigene Erfahrung und den Weg, den sie daraus für sich und andere Menschen entwickelt hat.

Ihr zentrales Werkzeug nennt sie die Navigationstafel: eine Gefühlsskala, die ursprünglich Esther und Jerry Hicks sowie David R. Hawkins entwickelt haben. Diese bewegt sich über verschiedene Ebenen und führt u. a. von der Starre, Ohnmacht und Verzweiflung ganz unten über Angst, Trauer und Wut nach oben, weiter über Frustration und Ungeduld, bis sie die Ebene der Akzeptanz erreicht und schließlich u. a. in Vertrauen, Dankbarkeit und Freude mündet.

Dabei dient diese Skala nicht der Bewertung von Emotionen, sondern sie dient vielmehr der Orientierung. Gefühle zeigen an, wo wir gerade innerlich stehen und in welche Richtung sich unsere emotionale Befindlichkeit bewegt, wenn wir unsere innere Ausrichtung nicht verändern. Deshalb spricht sie von einer Navigationstafel. Ähnlich wie ein Pilot seine Instrumente nutzt, um den Kurs seines Flugzeugs zu überprüfen, soll sie helfen, die eigene innere Ausrichtung immer wieder bewusst wahrzunehmen und diese ggf. wieder auf einen gewünschten Kurs zu bringen.

Zwei Besonderheiten dieser Skala haben mir unmittelbar eingeleuchtet: Der Wendepunkt liegt nach ihrem Verständnis bereits bei der schlichten Akzeptanz; sobald wir aufhören, mit dem zu ringen, was gerade ist und wir nicht unmittelbar ändern können, hat sich meine innere Lage bereits verändert, auch wenn äußerlich noch nichts davon zu sehen ist. Der Wut ordnet sie im Sinne einer kraftvollen Aufwärtsbewegung aus Ohnmacht und Erstarrung die Funktion einer Brücke zu. Wer einmal erlebt hat, wie ein Mensch nach Monaten der Lähmung endlich wütend wird und wie viel Lebendigkeit in diesem Zorn steckt, wird das vermutlich nachvollziehen können.

Was mich an dieser Skala besonders überzeugt hat, ist die Konsequenz in ihrer Anwendung: Jones lädt den Leser nicht dazu ein, unangenehme Gefühle möglichst schnell hinter sich zu lassen, sondern beschreibt sie als Orientierungshilfe und Stationen eines Entwicklungswegs. Das Ziel besteht nicht darin, sich sofort glücklich zu fühlen. Entscheidend ist die Richtung der inneren Bewegung, die sich glaubwürdig anfühlt und die mithilfe einer Übung, die Jones Eintauchen nennt, tatsächlich gegangen werden kann: Man löst sich von dem Narrativ, die der Verstand über ein Gefühl erzählt, sinkt in die Empfindung hinein und bleibt weich dabei, ohne dass das Gefühl verschwinden müsste. Und es entspricht meiner Erfahrung, dass in dieser Haltung des wohlwollenden Gewahrseins die Gefühle tatsächlich beginnen, wieder zu fließen und sich zu verändern. Damit wendet sich Lola Jones ausdrücklich gegen den „spirituellen Bypass", also gegen den Versuch, Schmerz mit positiven Gedanken zu überdecken, statt ihn wirklich zu durchleben. Dass ein Buch mit einem so leichten Titel so entschieden für das Fühlen eintritt, hatte ich nicht erwartet.

Verteilt über das Buch finden sich außerdem die zehn Bilder, die ich eingangs erwähnt habe. Lola Jones versteht sie nicht als Illustrationen, sondern als Teil ihrer Arbeit, die zuvor noch unbewusste Ressourcen zugänglich machen. Sie empfiehlt ausdrücklich, langsam zu lesen und zwischen zwei Bildern mindestens zwei Wochen verstreichen zu lassen. Das Buch soll nicht möglichst schnell gelesen werden. Es soll innere Prozesse in Gang setzen, die für die Integration Zeit brauchen.

Dahinter steht ein Grundgedanke, der sich durch das gesamte Buch zieht: Entwicklung entsteht nicht allein dadurch, dass wir etwas verstehen. Verstehen kann eine Tür öffnen. Die eigentliche Veränderung geschieht nach ihrer Auffassung auf einer tieferen Ebene. Unsere Aufgabe besteht darin, uns innerlich auszurichten, Gefühle bewusst wahrzunehmen und ihnen mit Akzeptanz zu begegnen. Den weiteren Prozess können wir mit dem Verstand nicht fassen.

In diesem Zusammenhang spricht Lola Jones von einer einfachen Verteilung: Einen großen Anteil des Prozesses, den sie mit neunzig Prozent beziffert, übernehme die Gnade, zehn Prozent der bewusste Verstand. Mit „Gnade" beschreibt sie so etwas wie einen Wandlungsprozess, den wir nicht willentlich herstellen können. Unsere Aufgabe besteht darin, die Bedingungen zu schaffen, unter denen er geschehen kann.

Mich erinnert dieses Bild an die Erfahrung eines Kindes, das mit seinem Schmerz nicht allein bleibt. Es muss seine Traurigkeit nicht wegmachen. Sie darf in der Gegenwart eines wohlwollenden Gegenübers da sein und verändert sich gerade dadurch. Lola Jones beschreibt einen ähnlichen Vorgang auf der Ebene der Beziehung zu uns selbst. Akzeptanz und Mitgefühl schaffen einen inneren Raum, in dem Gefühle sich verändern dürfen, ohne dass wir sie aktiv verändern müssen.

Wie dieser Prozess genau entsteht, ist aus meiner Perspektive offen. Verschiedene wissenschaftliche Modelle beschreiben unterschiedliche Aspekte davon. Die Polyvagal-Theorie spricht von Sicherheit und Regulation des Nervensystems. Das Somatic Experiencing beschreibt die Auflösung gebundener Aktivierung. Die Forschung zu Selbstmitgefühl zeigt, dass eine wohlwollende Haltung Scham und Bedrohungsreaktionen verändern kann. Keine dieser Theorien erklärt den gesamten Vorgang. Sie beschreiben unterschiedliche Perspektiven auf ein Phänomen, das sich in der Praxis immer wieder beobachten lässt.

Mittlerweile ist mit „Du bist so viel größer, als du denkst" ein zweiter Band erschienen, in dem es um die bewusste Gestaltung des eigenen Lebens geht. Die Verwendung ohne das Fundament der inneren Ausrichtung aus dem ersten Buch wird von der Autorin ausdrücklich nicht empfohlen.

Skulptur Skanlingsbanken 2020

Eine Säule im Naturpark Skamlingsbanken: eine Skulptur, die Orientierung bietet und ein nationales dänisches Denkmal zur Stärkung der dänischen Sprache, Kultur und Identität

3. Was „während ich weg bin" wirklich bedeutet

Wenn ich versuche, in eigene Worte zu fassen, wovon es im Kern dieses Buches wirklich geht, dann fällt mir zuerst ein Bild ein: Das Leben lebt sich leichter, wenn ich nicht unnötig daran ziehe. Der Titel selbst sagt es bereits: „Alles läuft super, während ich weg bin"; und dieses „weg" ist tatsächlich erklärungsbedürftig, weil es sonst leicht missverstanden werden kann.

Gemeint ist, dass wir den kontrollierenden und rationalen Anteil unseres Verstandes zeitweise aus dem Weg gehen lassen. Das bedeutet nicht, dass wir nichts mehr planen, uns aus unserem Leben zurückziehen, keine Position beziehen oder unsere Bedürfnisse übergehen sollen. Der Verstand bekommt vielmehr eine wichtige Aufgabe: Er hilft dabei, dass wir uns bewusst ausrichten. Wir entscheiden immer wieder, worauf wir uns innerlich fokussieren, mit was und mit wem wir in Verbindung sein wollen. Oft geschieht unsere Ausrichtung im Alltag unbewusst durch die Signale, die wir aussenden, und die Kunst besteht darin, diese wieder bewusst anzusteuern. Die Lenkung unserer Aufmerksamkeit wird dadurch zu einer Form der bewussten Entscheidung.

Was sich hingegen nicht erzwingen lässt, ist, wie sich das, was wir mit unseren Absichten in Bewegung setzen, konkret ausgestaltet. Das geschieht idealerweise eher so nebenher, ohne dass wir allzu viel machen müssten oder auch nur könnten. Letztendlich geht es darum, die Balance zwischen dem Sein und unserem Tun herzustellen und unserem natürlichen inneren Rhythmus zu folgen.

Der Verstand tritt also nicht ab, weil er von geringem Wert wäre. Er bekommt nur teilweise eine andere Funktion, indem er das achtsame und wohlwollende Mitfühlen aufmerksam begleitet und für eine klare und bewusste innere Ausrichtung sorgt. Er hört auf, Prozesse kontrollieren zu wollen, die sich ohnehin seiner unmittelbaren Steuerung entziehen.

Doch was ist, wenn er nicht zur Ruhe kommt oder abschalten mag? Es bedarf tatsächlich immer wieder der Übung, überhaupt bewusst wahrzunehmen, was wir den ganzen Tag denken und zu entscheiden, worauf wir unsere Aufmerksamkeit lenken wollen. Dadurch verändert sich zunächst nicht zwangsläufig die Welt. Es verändert sich jedoch die Art, wie ich ihr begegne und welche Möglichkeiten ich überhaupt wahrnehme.

Ich schildere das so ausführlich, weil ich weiß, was diese Perspektive auslösen kann: Für die eine wird die Ausrichtung zum neuen Leistungsauftrag: richtig ausrichten, genug ausrichten – und wenn das Leben nicht trägt, habe ich mich wohl falsch ausgerichtet, und schon wieder stimmt etwas nicht mit mir. Dann ist die Ausrichtung nichts weiter als die alte Kontrolle in einem anderen Gewand. Für den anderen klingt der Satz vom Verstand, der zurücktritt, nach Abwertung. Beide Lesarten verfehlen den Kern. Deshalb greife ich diesen Gedanken später noch einmal auf.

Ausblick auf die Ostsee in Dänemark

Urlaub in Heljsminde und ein bißchen Magie...

4. Der Eiswagen: eine kleine Geschichte über Leichtigkeit

Lola Jones hat für das Setzen einer Absicht ein schönes Bild gefunden: so leicht wie der Flügelschlag einer Fruchtfliege. Eine Absicht wird leicht und ohne Anstrengung gesetzt und anschließend wieder losgelassen und dem Fluss des Lebens anvertraut. Diese Haltung der Leichtigkeit zieht sich durch das ganze Buch.

Was für Möglichkeiten dann entstehen und wie sich das anfühlen kann, habe ich einmal im Urlaub in Dänemark erlebt. Wir saßen an einem späten Nachmittag unentschlossen auf unserer Terrasse, weil zwei Optionen im Raum standen: Der Ausflug in einen Skulpturenpark erschien uns fast ein wenig zu aufwändig, und so entschieden wir uns für die Eisdiele. Auf dem Tisch lag ein Buch mit dem Titel: „Wenn Fische fliegen können." Und wie schön wäre es doch, wir könnten uns das Eis einfach auf unsere Terrasse beamen...

Gesagt, getan: Wir standen bereits am Auto, als es plötzlich bimmelte und ein mobiler Eiswagen durch unser Wohnviertel fuhr. Ebenso amüsiert wie fasziniert kauften wir Eis gleich auf Vorrat, genossen es in aller Ruhe und brachen anschließend mit neuem Elan in den wunderschönen Skulpturenpark. Ich habe sogar noch Fotos von diesem Tag.

Ich erzähle das nicht, um zu behaupten, auf diese Weise ließe sich stets ganz konkret das Leben bestellen. Es war die Leichtigkeit selbst, die einen Raum öffnete, den unser rationaler Verstand zuvor verschlossen hatte. Das Entweder-oder, an dem wir hingen, dieses „Eis oder Ausflug, aber nicht beides, das ist zu viel", löste sich in dem Augenblick auf, als durch die Leichtigkeit ein ungeahnter Spielraum entstand. Am Ende gab es ein verbindendes sowohl-als-auch.

Ziegen Skanlingsbanken 2020

Ziegen im Naturpark Skamlingsbanken: Tiere, denen man eine gewisse Beharrlichkeit nachsagt...

5. Innen reifen, außen wirken: Was innere Reifung wirklich bedeutet

„Innen reifen, außen wirken" ist mein eigener Claim, und er meint genau jenes Prinzip, das sich auch wie ein roter Faden durch dieses Buch zieht: Unser innerer Zustand hat einen bedeutsamen Einfluss darauf, was uns begegnet und wie wir mit dem umgehen, was sich uns zeigt. Wer gerade voller Schuldgefühle ist, wird Leichtigkeit schwer erleben können, weil Leichtigkeit eine Ausrichtung auf Liebe und Freiheit voraussetzt.

Wir Menschen versuchen es allerdings häufig und beharrlich andersherum. Wir glauben, wir würden glücklich, sobald das Eis endlich auf dem Teller liegt und die äußeren Umstände stimmen. Und weil äußere Umstände nie dauerhaft stimmen, bleiben wir in unserer Befindlichkeit von ihnen abhängig. Sich zunächst der eigenen inneren Befindlichkeit zuzuwenden, kehrt diese Richtung um – und genau diese Umkehr ist für manche Menschen weit anspruchsvoller, als es klingt.

Die Hinwendung zur eigenen inneren Erfahrung verändert deshalb zunächst nicht die Welt, aber sie verändert die Haltung, aus der heraus wir ihr begegnen.

6. Warum kluge, feinsinnige Menschen sich mit dem Loslassen so schwertun

Viele hochbegabte, hochsensible oder auf andere Weise neurodivergente Menschen haben besonders gründlich gelernt, sich an fremden Erwartungen auszurichten, auch wenn sie ihren eigenen Bedürfnissen nicht entsprachen oder atmosphärische Spannungen wahrzunehmen und auszugleichen. So ging die Verbindung zu dem eigenen Inneren mehr oder weniger verloren. Unter diesen Umständen war der Versuch, die eigene Sicherheit über die Kontrolle des Umfeldes sicherzustellen, ein kluger, früher Schutz.

Bei hochbegabten Menschen spielt zusätzlich die sogenannte asynchrone Entwicklung eine Rolle: Die geistige Entwicklung eilt voraus, während das emotionale Erleben und die körperliche Entwicklung in ihrem eigenen Tempo nachkommen. Dadurch wird der Verstand leicht zu der Ebene, die am meisten Sicherheit vermittelt. Er trägt, ordnet und erklärt. In vielen Biografien übernimmt er Aufgaben stellvertretend für eine sichere Bindung oder ein tragfähiges Urvertrauen. Der Verstand wird dadurch leicht zu der Ebene, die am meisten Sicherheit verspricht. Er ordnet, erklärt und trägt, wenn das emotionale Erleben noch keine vergleichbare Stabilität entwickelt hat. Wird diese Form der Sicherheit zur einzigen, fällt es verständlicherweise schwer, sie wieder zu lockern.

Das Loslassen, von dem Lola Jones schreibt, ist für solche Menschen deshalb alles andere als leicht. Wer gelernt hat, dass Sicherheit davon abhängt, alles im Blick zu behalten, kann Vertrauen nicht so einfach beschließen. Und wer sein Glück lange an äußere Umstände geknüpft hat, erlebt sich verständlicherweise als von ihnen abhängig. Die Umkehr von außen nach innen ist für diese Menschen weit mehr als eine spirituelle Übung. Die Hinwendung nach innen gibt jedoch die eigene Handlungsfähigkeit Schritt für Schritt zurück. Genau dabei begleite ich Menschen.

7. Unter welchen Umständen ich dieses Buch zunächst nicht empfehle

So sehr ich dieses Buch schätze, so klar ist für mich auch, dass es nicht für alle Menschen in oder in jeder Lebenslage passend ist.

Lola Jones beschreibt Selbstverantwortung mit großer Konsequenz. Ich verstehe diesen Gedanken als Einladung, die eigene Gestaltungskraft wiederzuentdecken. Menschen in einer akuten Krise lesen dieselben Sätze jedoch häufig durch einen anderen inneren Filter. Aus Verantwortung wird dann Selbstanklage mit einer Verstärkung ohnehin vorhandener Scham-, Schuld- und Insuffizienzgefühle. In solchen Situationen braucht es häufig eine individuellere Begleitung, die zunächst entlastet, Orientierung gibt und den Blick für die Möglichkeit der Selbstwirksamkeit wieder öffnet.

Lola Jones erklärt die Welt für meinen Geschmack teilweise zu undifferenziert. Was mir begegnet, ist in ihrem Modell stets das Echo meiner eigenen Schwingung, und für die Fälle, in denen ich beim besten Willen keinen Zusammenhang erkenne, hält sie den Begriff der „blinden Flecken" bereit. Sie wendet das konsequent an, auch auf Unfälle und auf Krankheit. Für einen Menschen, der gerade im Vollbesitz seiner Kräfte ist, kann das ausgesprochen ermächtigend sein: Wenn ich es gemacht habe, kann ich es auch anders machen. Für einen Menschen, der gerade am Boden liegt, wird aus demselben Satz etwas ganz anderes. Aus „Ich habe es erschaffen" wird „Ich bin selbst schuld", und damit legt sich zu allem, was ohnehin schon zu tragen ist, noch eine Schicht Scham obendrauf.

Diese Verwechslung ist so verbreitet, dass ich sie hier ausdrücklich benennen möchte: Verantwortung und Schuld sind nicht dasselbe. Verantwortung fragt „Wie könnte ich das anders angehen?" und schaut nach vorn. Schuld fragt „Was mache ich oder jemand anderes falsch?" und schaut zurück. Die erste Frage öffnet Handlungsspielraum, die zweite verengt ihn. Wer erschöpft, gekränkt oder verängstigt liest, hört fast unweigerlich die zweite Variante, auch wenn die erste gemeint ist.

Bemerkenswert finde ich allerdings, dass Lola dieses Risiko selbst gesehen hat. Schon im zweiten Kapitel schreibt sie, man solle die Hilfe dieses Buches nur so lange in Anspruch nehmen, wie man sie brauche, und im Übrigen der eigenen Führung und Intuition mehr vertrauen als irgendjemandem sonst – „mich eingeschlossen". Jeder solle selbst prüfen und entscheiden, was für ihn stimmig ist. Im Kapitel über Krankheit und Gesundheit rät sie ausdrücklich, der eigenen inneren Führung zu folgen und sich zusätzlich jede medizinische Hilfe zu holen, die man braucht. In ihren Leseanweisungen ganz zu Beginn hält sie fest, dass Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen zuerst andere Unterstützung bekommen sollten.

Diese Sätze stehen unauffälliger da als die für meinen Geschmack teilweise etwas zu vollmundigen Versprechen und deshalb formuliere ich an dieser Stelle eine klare Empfehlung: In einer akuten Krise ist dieses Buch möglicherweise nicht das richtige. In frischer überwältigender Trauer nicht, in einer akuten Erkrankung nicht, in einer akuten psychischen Ausnahmesituation nicht, und auch dann nicht, wenn gerade alles auf einmal wankt. Nicht, weil das Buch grundsätzlich schlecht wäre, sondern weil im Ausnahmezustand häufig nicht mehr so differenziert lesen und sich selber führen kann, wie es dann notwendig wäre. Unter Druck verengen sich unsere Perspektiven und ein Text, der so viel Verantwortung zurückgibt, kommt dann schnell als Anklage an. Was in ruhigeren Zeiten Türen öffnet, kann in der Krise noch tiefer verstören.

Was es in solchen Zeiten braucht, ist zuerst Entlastung: ärztliche und therapeutische Begleitung oder ein traumsensibles Coaching. Menschen, die emphatisch und co-regulierend da sind, Schlaf, Zeit. Die Frage nach der eigenen Ausrichtung kommt später, und dann trägt sie umso besser.

Und an dieser Stelle kehre ich noch einmal in jener Buchhandlung zurück. Ich hatte das Buch in der Hand, spürte die Anziehung, und eine leise Stimme sagte: Jetzt noch nicht. Ich konnte das damals nicht begründen. Heute lese ich dieses Nein als eine ziemlich präzise Dosierungsentscheidung – die von meinem eigenen inneren Kompass, lange bevor mein Verstand hätte erklären können, warum. Dass Jones selbst darum bittet, langsam zu lesen und zwischen den Bildern Wochen verstreichen zu lassen, entspricht dieser Haltung. Dieses Buch will nicht verschlungen, sondern portioniert verstoffwechselt werden.

Wenn du es also liest und an eine Stelle kommst, die sich nicht stimmig anfühlt: Leg sie beiseite. Nicht als Widerstand, sondern als Unterscheidungskraft. Du darfst das – die Autorin sagt es selbst.

Tränende Herzen 

Tränende Herzen: Schönheit, die für sich spricht

8. Das Herz als Zugang zu unserer Wahrnehmung

Wenn ich all diese Aspekte betrachte: Die innere Ausrichtung mit der Navigationstafel oder dem inneren Kompass, unterstützt durch eine klare mentale Fokussierung, das innere Reifen, das später im Leben Früchte hervorbringt - dann ist das Herz jene Instanz, an dem letztendlich alle Fäden zusammenlaufen. Dass mir dieses Buch damals ohne mein Zutun zur rechten Zeit begegnete, ist übrigens kein Einzelfall in meinem Leben; über solche vermeintlichen „Zufälle" und die Kraft der inneren Ausrichtung habe ich bereits in dem Artikel über Synchronizität geschrieben.

Am Mittwoch, dem 19. August 2026, lade ich gemeinsam mit Jenny Sun um 19 Uhr zu einem kostenfreien Online-Praxisabend ein, der den Titel „Das Herz als Zugang zu unserer Wahrnehmung" trägt: Dein Herz nimmt oft mehr wahr, als dein Verstand erfassen kann. Bei Menschen mit feiner Wahrnehmung ist dieser Zugang besonders offen, gerät im Alltag aber leicht in den Hintergrund. Wir erkunden gemeinsam, wie wir den eigenen Herzraum als Zentrum unseres Daseins wieder spüren können und wie über den Körper neues Vertrauen in die eigene feine Wahrnehmung entstehen kann.

Wir nähern uns auch der Frage, wie wir über den Herzraum mit einem größeren Feld in Verbindung stehen, das uns umgibt und trägt. Was tragen dazu u. a. das Konzept der morphischen Felder sowie der Akasha-Chronik bei? Und welche Forschungsergebnisse zur Herzkohärenz berichtet das HeartMath Institute?

Es wird ein Abend zum Spüren und Erleben, nicht nur zum Zuhören. Es entsteht ein Raum, in dem du dich mit dir selbst und mit anderen wieder verbunden fühlen darfst.

Du bist zur Teilnahme herzlich eingeladen. Hier kannst du dich anmelden.

Und noch etwas: Welches Buch hat in dir etwas nachhaltig bewegt? Schreib es gerne in die Kommentare, ich bin gespannt!

Dr. Hanna Steffen
Dr. Hanna Steffen
Dr. Hanna Steffen ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und zertifizierter Teamcoach. Nach langjähriger psychotherapeutischer Tätigkeit in eigener Praxis arbeitet sie heute als Coach und Mentorin. Ihr Schwerpunkt liegt auf Hochbegabung, Vielbegabung, Hochsensibilität und Neurodivergenz.

Newsletter

Melde dich für meinen kostenlosen Newsletter an und erhalte nützliche Tipps und Informationen.
Deine Daten sind sicher. Hier ist unsere Datenschutzerklärung.

Neueste Beiträge

Noch keine Kommentare vorhanden

Was denkst du?

Logo

Begabung im Flow

Online und in Hannover
Mit Terminvereinbarung: Das kostenfreie Orientierungsgespräch dient dem gegenseitigen Kennenlernen. Wir schauen gemeinsam, ob meine Begleitung zu dir passt  und du bekommst einen Überblick über die Möglichkeiten und eine Empfehlung für einen sinnvollen nächsten Schritt.
Der Weg zu mir

Dr. med. Hanna Steffen

Coaching und Mentoring

Bödekerstr. 1

30161Hannover

Lass’ uns in
Verbindung bleiben!

Zum Newsletter